Theater
Tosender Applaus für ein Gemetzel unter Kultivierten

Im Theater Solothurn fand eine stürmisch gefeierte Premiere von «Gott des Gemetzels» statt. Yasmina Rezas spiesst in ihrem Erfolgsstück die moderne bürgerliche Gesellschaft auf.

Fränzi Rütti-Saner
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Was als Aussprache zwischen den beiden Ehepaaren geplant war, endet in einem veritablen Drama.

Was als Aussprache zwischen den beiden Ehepaaren geplant war, endet in einem veritablen Drama.

Solothurner Zeitung

Als Abschluss der Schauspielsaison 2012/13 und als letzte Inszenierung im alten Stadttheater von Solothurn ist ein Highlight des zeitgenössischen Theaters zu sehen. «Der Gott des Gemetzels», Yasmina Rezas Erfolgsstück, eine Zusammenarbeit mit dem Theater des Kantons Zürich, erntete an der Premiere am Freitag tosenden Applaus.

Alain und Annette Reille (Pit Arne Pietz und Miriam Wagner) treffen sich in der Wohnung von Michel und Veronique Houillé (Stefan Lahr und Katharina von Bock) in Paris. Es soll eine Aussprache zwischen den Paaren stattfinden, da der elfjährige Ferdinand Reille seinem Schulkollegen Bruno Houillé mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen hat.

Man möchte die unangenehme Sache vernünftig besprechen. War Ferdinand «bewaffnet» oder «ausgestattet»? Schon an diesem Wort entzünden sich die Gemüter. Und was wäre der pädagogisch richtige Weg? Dazu noch politisch korrekt sein und seinen bildungskulturellen Hintergrund nicht vergessen. Heikel.

Elfjährige Jungs klopfen sich nun mal, meint Vater Alain, das sei ganz normal und im übrigen habe er keine Zeit, sich um solche Bagatellen zu kümmern. Denn schon wieder läutet das Handy des viel beschäftigten Anwalts. Seinem Klienten, einer grossen Medikamentenfirma, droht eine Anzeige – das sind doch die wirklich wichtigen Probleme. Stimmt überhaupt nicht, ereifert sich Veronique. Wenn sein Sohn einem anderen Zähne ausschlüge, sei das ein Zeichen von Erziehungs- oder noch schlimmer, von Eheproblemen. Und so nimmt das Drama seinen Lauf. Be- und Entschuldigungen sowie Sticheleien gehen hin und her. Es wird Gebäck, Kaffee und Alkohol aufgetischt.

Sezierung der Ehe

Es wird gekotzt, gelacht, geschrien und geschlagen. Die Ehen der beiden Paare werden in kürzester Zeit seziert: Veronique beschäftigt sich lieber mit der Kunst von Bacon oder dem Drama von Darfur als mit ihrem Mann und den Kindern. Ihr Mann Michel ist eine Windfahne und ein Schwächling, der Küchentöpfe und Wasserhähne verkauft, dafür aber den Hamster seiner Tochter umbringt. Die hypernervöse Annette Reille unterdrückt ihr Alkoholproblem und den Ekel vor ihrem Mann. Und Alain interessiert sich weder für seinen Sohn noch für seine Frau.

Das Handy ist sein Leben. So gipfelt denn auch das 80-minütige Kammerspiel im Versenken des Handys im Blumenbouquet von weissen Tulpen, «einen Armvoll für 15 Euro gekauft. Täglich frisch aus Holland.»

Mit diabolischem Humor und erbarmungsloser Treffsicherheit spiesst Yasmina Reza in ihrem Stück die moderne bürgerliche Gesellschaft auf, die hin- und hergerissen ist zwischen aufgeklärtem, vernünftigem Gutmenschentum und Egoismus. Sie ist überzeugt: So verbindlich und aufgeschlossen wir uns auch geben – am Ende siegt einer: der Gott des Gemetzels.

Die vier Schauspieler unter der Regie von Felix Prader und im Bühnenbild von Hans-Reinhardt-Ringträger Werner Hutterli liefern sich auf der Bühne ein Duell zu acht Fäusten unter Nutzung aller Waffen: von feiner Klinge bis zum Zweihänder. Sie schenken sich – und dem Publikum – nichts. Gebannt verfolgt man den Schlagabtausch, um am Ende erkennen zu können: Es war ja nur Spiel. Doch die Wirklichkeit dauert länger als 80 Minuten.

Nächste Aufführungen in Solothurn: 2.5.; 15.5.; 24.5.; 26.5.; 29.5.; 4.6.; 8.6.; Premiere in Biel: 8.5.

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