Mit der Kreuzackerbrücke endet für Benedikt Affolter, was mit ihr begann: Vor über 22 Jahren begleitete er als frischgebackener Chef Tiefbau der Stadt Solothurn noch den Abschluss der Brückensanierung – und heute, 2018, steht fest, dass bald wieder eine kleinere Instandsetzung der Fussgängerbrücke vonnöten ist. Mit diesem Bauwerk schliesst sich für ihn der Kreis einer langjährigen Anstellung bei der Stadt. In der Zeit dazwischen hat er die Sanierung aller anderen Brücken mitbegleitet. Affolter tritt im November mit 63 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand und überlässt seinen Sessel Thomas Pfister.

Bevor er damals zum Tiefbauamt kam und dort seinen Amtsvorgänger Peter Sägesser ablöste, war der gelernte Bauzeichner und ausgebildete Bauingenieur 15 Jahre in einem privaten Burgdorfer Ingenieurbüro als Geschäftsleitungsmitglied und Projektleiter tätig. «Den Wechsel in den öffentlichen Dienst habe ich nie bereut», sagt er rückblickend. «Denn die Rolle des Unternehmers hat mir nie sonderlich Spass gemacht – ebenso wenig wie das Akquirieren von Kunden.» Bei der Stadt hingegen habe er stets die Vielfalt der Tätigkeiten geschätzt, sagt Affolter. «Und der Kontakt mit Partnern, Handwerkern, Ingenieuren und Bürgern hat mir ebenfalls immer zugesagt.» Zudem: «Kein Projekt war gleich wie das andere», fasst Affolter am Ende seiner Zeit im Dienste der Stadt zusammen.

Die Zeit der «grossen Würfe»

Sein Einstieg bei der Stadt 1996 war gekennzeichnet von einem internen Umbau: Nach der Pensionierung des Stadtgeometers und der Auflösung seines Amtes wurde der verbleibende Mitarbeiter dem Tiefbau zugeteilt. Darüber hinaus erlebte Affolter einen bedächtigen Einstieg in sein neues Amt – zunächst: «Es war zu Beginn eher eine ruhige Zeit – bis die Planungen für die ganz grossen Würfe ihren Lauf nahmen.»

Einer dieser Würfe war die Westtangente, die nach zwei Volksabstimmungen auf Kurs gebracht worden war und vor ziemlich genau zehn Jahren dem Verkehr übergeben wurde. Doch wie bei sehr vielen anderen Projekten «war die Stadt dabei lediglich ‹Juniorpartner› des Kantons.»

Auch beim Neubau der 2006 fertiggestellten Rötibrücke, den flankierenden Massnahmen zum Bau der Autobahn A5 oder dem bis 2009 umgestalteten Bahnhofsplatz. «Doch auch als ‹Juniorpartner› waren wir Geldgeber und haben uns entsprechend eingebracht.» Letztlich brauche es ein Miteinander zwischen Gemeinde, Kanton und Bund. «Dabei ist die Frage nach der Finanzierung zentral. Wir arbeiten tagtäglich mit Steuergeldern, das erfordert einen haushälterischen Umgang.»

Komplexe Begegnungszone

Ein grosser Wurf, der ganz in städtischer Hand lag, war die Realisierung der Begegnungszone: Im Jahr 2000 wurde sie zunächst am Landhausquai realisiert, sechs Jahre später unter dem Titel «Begegnen mit Respekt» auf die ganze Altstadt ausgedehnt, wo sie ins bereits bestehende Regime der Altstadtsperre hineingriff. «Es stellte sich als komplexe Planungsangelegenheit heraus: ‹Wer darf wann wo fahren?›, war die Frage.»

Gerade an diesem Beispiel macht Affolter eine der tiefgreifenden Wandelerscheinungen in Sachen Verkehr fest: «Dass sich seither einiges geändert hat, zeigt sich daran, dass die Trennung zwischen Fussgänger, Velo und Auto einer Koexistenz unterschiedlicher Fortbewegungsmittel gewichen ist.» Gleichzeitig sind Verkehrsteilnehmer egoistischer worden, stellt Affolter fest. «Der Autofahrer flucht über den Velofahrer – und umgekehrt.»

Gerade in der engräumigen Schweiz sei ein Miteinander statt ein Gegeneinander aber umso wichtiger. Auch macht er dies am Beispiel der Kreuzackerbrücke offensichtlich, die bis 1996 zwei Spuren für Fussgänger und eine für Fahrradfahrende aufwies. «Es hat ein Umdenken stattgefunden.»

Und dann die polarisierenden Themen: Tempo 30 zum Beispiel: Während die schrittweise Einführung in politisch «unproblematischen» Quartieren begann, wurde das Thema je länger je emotionaler. «Der hauptsächliche Diskurs handelte meistens von der St.-Niklausstrasse.» Ebenso kennt der Chef Tiefbau andere Dauerbrenner, wo selten Einhelligkeit in der Bevölkerung herrschte: «Wenn es darum geht, eine Strasse oder einen Kandelaber zu erneuern, wird dies fraglos akzeptiert.»

Anders sehe es aus, wenn die Aufhebung von Parkplätzen zur Disposition steht. Beispielsweise bei der derzeitigen Umgestaltung der Berntorstrasse, die über eine lange Zeit projektiert war. «Doch das Warten hat sich gelohnt. Die Umgestaltung ist ein Gewinn», findet Affolter. Gerade an diesem Beispiel zeige sich, wie haushälterisch man mit jedem Zentimeter öffentlichen Raum umzugehen habe: «Der Siedlungsraum in der Schweiz ist beschränkt. Da sind oft Kompromisse nötig.»

Velo für «Lebensqualität»

Über die ganzen Jahre pendelte Affolter, der auch als Mitglied der Arbeitsgruppe Fuss- und Veloverkehr amtete, mit dem Velo von seinem Zuhause in Oekingen zur Arbeit. 7,5 Kilometer Weg, 20 Minuten Fahrzeit, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit: «Das ist Lebensqualität für mich.» Drahtesel werden ihn auch weiter beschäftigen: «Ich habe Fahrräder schon immer leidenschaftlich gerne komplett auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Da vergeht die Zeit in der Werkstatt im Flug.»

Er sei ein Macher und Handwerker, sagt Affolter. Und apropos Zeit: Die bleibt ihm nun vermehrt auch für den geliebten Garten, oder um sie mit den Enkelkindern zu verbringen. Und weil der Vater von vier erwachsenen Kindern und Grossvater dreier Enkel die Rastlosigkeit nicht ganz aus seinem Leben verbannen kann: «Ich könnte mir durchaus vorstellen, künftig auch ehrenamtlich tätig zu sein. Einige Nebenjobs zeichnen sich bereits ab.»