Es könnte eine Kurzmeldung in einer Zeitung sein: «Jugendliche quälen einen Gleichaltrigen, der zur Gruppe gehören wollte aus Spass – nun ist er tot». Aus einer solch erschütternden Nachricht hat der englische Erfolgsdramatiker Dennis Kelly (*1968) ein starkes Stück Theater für Jugendliche geschaffen, welches die Mitglieder des Jugendclub U21 des Theaters Solothurn heute Samstagabend als Premiere auf die Bühne bringen.

Zehn Kolleginnen und Kollegen, Freunde oder teils gar Liebende sind es, für die aus einem nachmittäglichen Langeweile-Spass bitterer Ernst wird. «Adam hat gelacht. Der hat Blätter gefressen. Alles hat er gemacht. Wir schlugen ihn. Der hat gelacht». So erzählen «Jana» Rahel Bryner und «Mark» Dominik Scherrer, was denn eigentlich genau passiert ist. Adam, die Nervensäge, wollte unbedingt bei ihrer Gruppe mit dabei sein. Dafür machte er jedes Spielchen mit – sei es auch noch so sadistisch. Das «Spielchen» endete damit, dass Adam in einen tiefen Schacht fällt und nicht mehr rauskommt. Er liegt da unten, schwer verletzt, geschlagen, mit Zigarettenstummeln traktiert, er macht keinen Mucks mehr – keine Frage: Er ist tot.

Was tun? Zur Polizei gehen? Sagen, was passiert ist? Nein, beschliesst die Gruppe und insbesondere ihr heimlicher Anführer, der stille «Phil», dargestellt von Marin Blülle. Er entwirft einen Plan à la CSI-Fernseh-Serie. Mittels fremder DNA soll jemand anderer gefunden werden, der Adam angeblich entführt und umgebracht hat. Und so geschieht es auch –  die Täuschung scheint aufzugehen. Man verhaftet tatsächlich jemanden, auf den die Beschreibung des möglichen Täters trifft. Ein Trauermarsch und ein Abschiedsgottesdienst für den angeblich toten, nicht gefundenen Adam findet statt – die Sache scheint zu laufen. Die Jugendlichen haben alles im Griff. Cool.

Ungeheure Intensität

Wenn da nur nicht «Leah», verkörpert von Lara Desdemona Kofmel, wäre, die mit ihrem nervtötendem Gelaber und ständigem Fragen die Gemeinschaft ins Wanken bringt. Dabei kämpft sie nur wie eine Verzweifelte um ihren Phil, der aber lieber Popcorn und Chips isst, statt sich den Seelennöten seiner Freundin anzunehmen. Genau in diesem Verhalten spiegelt Kelly einen der Gründe, warum Jugendliche den Halt verlieren. Es gibt kein Mitleid mehr. Der Grat, sich zu behaupten zu können, ist äusserst schmal, da hat es keinen Platz für Mitgefühl.

Die U21-Truppe und ihr Regisseur Christoph Oser-Meier bringen mit äusserst einfachen dramaturgischen Mitteln eine ungeheure Intensität auf die Bühne. Jeder der zehn Protagonisten arbeitet seinen Charakter exakt heraus. Die Dichte und der Drive im Stück verlangt von den Laien-Darstellern, die übrigens ein ihnen adäquates Bühnendeutsch sprechen, ihr Äusserstes ab. Nach eineinhalb Stunden ist die anfängliche Coolness der Jugendgang einer starken Verzweiflung gewichen. Und ein Gedanke, geht einem durch den Kopf: Jede Jugend hat ihr Stück. Zu Schillers Zeiten waren es «Die Räuber», heute ist es Kellys «DNA».

Premiere: Heute, 18. 5., 19 Uhr. 21. und
27. 5. Schulvorstellungen; 1.6. 19 Uhr.
Jeweils Theater Solothurn. Gastspiel am 12.6. am Jugendtheater-Festival Spiilplätz Basel. Schauspielhaus 20 Uhr.