Solothurn
Teatro Mobile gastiert im Garten des Museums Blumenstein

Im Garten des Museums Blumenstein zeigt das Teatro Mobile derzeit eine beachtlichen Aufführung der Tragikomödie «Der Kirschgarten». Thema des Stücks: der Untergang des Adels und das Aufkommen des profitionierten Kapitalismus.

Helmuth Zipperlen
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V.l. Dorentina Imeri als Dunjascha, Linda Gygli als Ljubow Andrejewna undGregor Wild als Lakai Firs

V.l. Dorentina Imeri als Dunjascha, Linda Gygli als Ljubow Andrejewna undGregor Wild als Lakai Firs

Zur Verfügung gestellt

1904 in Moskau uraufgeführt, ist «Der Kirschgarten» das letzte Bühnenwerk von Tschechow, der kurz darauf an Tuberkulose starb. Es ist wie die meisten Werke des russischen Dramatikers von Melancholie durchzogen und mit einer subtilen Gesellschaftskritik versehen.

«Der Kirschgarten» handelt vom Untergang des Adels und vom Aufkommen des profitorientierten Kapitalismus, ist aber so zeitlos, dass es gleichsam das Symbol für eine Zeitenwende darstellt.

Das Teatro Mobile hat sich eine schwere Aufgabe gestellt, dieses Konversationsstück zu realisieren, und darf nun befriedigt feststellen, dass es im Grossen und Ganzen gelungen ist. Einzig bei der Modulation des Textes ist noch Verbesserungspotenzial.

Allerdings könnte auch der bitterkalte Wind am Premierenabend Einfluss darauf gehabt haben. Zeitlose Kleidung trugen die Mitwirkenden, die aber eher einem wirklich warmen Sommerabend angemessen ist.

Das Ambiente wunderbar, so kann es um den Besitz der Andrejewna Ranjewskaja gut ausgesehen haben. Etwas mehr Mobiliar als nur die Gartenbestuhlung machte es möglich, auch Innenszenen draussen spielen zu lassen. Und der kecke Hut der Gutsbesitzerin liess durchaus einen Hauch Paris durch den Obstgarten wehen.

Schönes weicht dem Nützlichen

Ljubow Andrejewnas siebenjähriger Sohn ist im Fluss ertrunken. Deshalb hat sich die Gutsbesitzerin mit ihrem Geliebten nach Paris begeben. Dort haben die beiden auf grossem Fuss gelebt und Schulden angehäuft. Leonid Andrejewitsch, ihr Bruder, hätte eigentlich zum Gut in Russland schauen sollen, aber auch er hat in Spielsalons ein Vermögen verprasst.

So bleibt nichts anderes übrig, als den Besitz zu versteigern und damit das Ende des Kirschgartens einzuläuten. Denn Lopachin, Sohn ehemaliger Leibeigener, ist durch Finanzhandel zu Reichtum gelangt und will anstelle des Kirschgartens eine rentable Ferienhaussiedlung erstellen.

Die bisherige gesellschaftliche Schicht hat sich ins Abseits manövriert und aufstrebenden Abzockern Platz gemacht. So wirkt denn Linda Gygli in der Rolle der Andrejewna zu Recht oberflächlich und lässt offen, wie weit ihre Verbundenheit mit dem Familienbesitz echt ist.

Ihr Bruder Leonid ist ebenfalls mehr am Billardspiel interessiert, was von David Gnägi mit aristokratischer Nonchalance unterstrichen wird. Erneut eine hervorragende Leistung zeigt Johnny Sollberger als prahlerischer Emporkömmling, dem letztlich der Mut fehlt, seiner verehrten Warja einen Heiratsantrag zu machen.

Andrejewnas Tochter Anja ist das Ebenbild ihrer Mutter, doch vermag Sophie Nyfeler in den Szenen mit Trofimow zu berühren. Die Zerrissenheit von Warja, der Pflegetocher, wird von Petra Gehrmann gut sichtbar.

Als ebenfalls immer in Geldnöten steckende Nachbarin Nadeshda sorgt Tanja Krieg für die wenigen echten Lacher in dieser Komödie. Bea Lack und Dorentina Imeri als Gouvernante resp. Dienstmädchen verkörpern ihre Rollen adäquat.

Als Buchhalter mit Strohhut debütiert Thair Alsaadi und beweist, wie rasch er in kurzer Zeit Deutsch gelernt hat. Eine Entdeckung mit viel Potenzial ist Tobias Fritschi in der Rolle des ewigen Studenten Trofimow.

Schliesslich ist da noch Firs, der alte Lakai. Er hat das Gut noch in der Blütezeit unter Andrejewnas Vater erlebt. Es ist bezeichnend, dass er am Schluss vergessen auf dem Gut zurückbleibt. Gregor Wild verwendet hohe Töne und einen unsicheren Gang am Stock, um dieser Rolle gerecht zu werden. Langer Applaus des zahlreichen Publikums belohnte das unter Leitung von David Gnägi agierende Ensemble.

Weitere Daten: Sa, 28. Juni, 19.30 Uhr, sowie So, 29. Juni, 17.30 Uhr.