Er ist 81 und gerade in Solothurn angekommen. Doch trotz der mehrstündigen Reise diskutiert Patriarch Gregorios III. hellwach in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Das Oberhaupt der griechisch-melkitischen Kirche –mit Sitz in Damaskus – ist einer der höchsten katholischen Würdenträger im Nahen und Mittleren Osten. «Seine Seligkeit», wie die offizielle Anrede lautet, erzählt beim Interview im «Roten Turm» von den Zuständen im bürgerkriegsgeplagten Land. Europa müsse lernen, dass ein Friede ohne Präsident Assad nicht möglich sei, sagt der Patriarch und verstört damit nicht zum ersten Mal – wohl auch aus Angst vor den Folgen eines Umsturzes in Syrien.

Eure Seligkeit, Wie leben Sie in einem Land, das seit vier Jahren im Bürgerkrieg ist?

Gregorios III.: In Damaskus ist man überall in Sicherheit und überall in Gefahr. Direkte kriegerische Angriffe gibt es nicht. Aber Raketen fliegen über unsere Köpfe. Sie schlagen da und dort ein. Der Sitz meines Patriarchats und meine Kathedrale wurden vier Mal getroffen. Es gab viel Schaden, aber keinem Mensch geschah etwas.

Haben Sie keine Angst?

Was meinem Volk passiert, geschieht auch mir. Solange es dort Menschen gibt, die leiden und hoffen, bin auch ich dort. Es ist die grösste humanitäre Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg. Und daher ist unser Einsatz sehr wichtig. Ich besuchte in der Fastenzeit alle Pfarreien in Damaskus. Die Kirchen waren voll. 

Was sind die Folgen der Tragödie?

Bis zu 4500 Christen wurden ermordet – als Soldaten in der Armee oder Menschen auf der Strasse. Es gibt über 200 000 Tote. Ausserhalb Syriens gibt es drei Millionen Flüchtlinge und sieben Millionen im Land. Etwa 5000 Schulen wurden zerstört. Viele Kinder können keine Schule besuchen. Die Menschen, die in ihren Häusern wohnen, sind arm geworden. Sie hungern. Das ist eine ganze Generation, die keinen Sinn für das Leben hat. Das sind Menschen, die zu Bomben werden. Da braucht man keine Isis-Kämpfer mehr aus Europa. Sie wachsen vor Ort. Dschihadisten sind Menschen ohne Sinn fürs Leben. Wenn das wächst, ersticken wir.

Tut der Westen genug?

Die humanitäre Hilfe ist da. Und wir sind dankbar dafür. Aber die Staaten betreiben nicht die richtige Politik. Es ist für mich keine Politik, Präsident Assad weghaben zu wollen. Solange der Mann eine Popularität hat, die 60 Prozent oder mehr abdeckt, muss er dort bleiben. Ein Teil des Volkes will diesen Mann noch immer.

Sie verteidigen Baschar al-Assad?

Ich bin nicht für oder gegen Assad. Ich sehe einfach, dass es mit den Waffen nicht weitergeht. Man kann nicht ein Volk zerstören, um einen Mann wegzuschicken. Obama, Frankreich und teilweise Deutschland müssen verstehen, was Realpolitik ist: Der Mann ist da. Er bleibt für Jahre an der Macht. Wenn man das begreift, sollte man doch nicht einfach der sogenannt moderaten Opposition helfen. Das führt zu mehr Opfern auf allen Seiten. Vier Jahre waren genug, um das zu verstehen. Besser als zu helfen, ist es, Frieden zu schaffen.

Und das geht nicht mit der Opposition?

Wenn die Opposition stark wäre, dann könnte man mit der Opposition arbeiten. Aber die Opposition ist keine Alternative. Sie hat keine Visionen. Sie will nichts anderes als das sogenannte Regime. Warum dann der Wechsel? Wenn die Staaten Europas, Russland und Amerika gemeinsam die Syrer zu Gesprächen einladen, wäre dies eine Lösung.

Wie soll das möglich sein? Assad werden Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Krieg ist Krieg. Mit wem soll man sonst weitergehen? Wo sind die Alternativen? Es gibt 28 verschiedenen Gruppen der Opposition, und die streiten miteinander. Und dann gibt es noch Isis. Mit wem soll man Frieden schliessen? Es bleibt nichts anderes als mit diesem Mann und mit der Opposition neu anzufangen.

Diese Aussagen erstaunen.

Wir sind als Christen nicht blind. Ich sehe, dass es Reformen geben muss. Aber was bringt das alles, was wir heute haben? Jeden Tag haben wir mehr Tote. Es sind schon über 200 000. Das ist, was die Welt bewegen muss. Es gibt kein Ziel mehr in diesem Krieg. Weder Gerechtigkeit noch Demokratie noch Freiheit oder Menschenrechte. Das sind alles Wörter ohne Echo. Der Krieg ist ein Instrument geworden: Die wollen länger Krieg, damit sie Geld haben. Manchmal werden reiche Christen gezielt entführt. Oder Dörfer werden erpresst. Und dieser Krieg gefährdet letztlich Europa. Wenn es im Nahen Osten, in Syrien und Palästina, keine Lösungen gibt, hat das auch Auswirkungen auf Europa. Krieg und zersplitterte arabische Länder sind der Nährboden für Fundamentalismus. Das ist so gefährlich für die ganze Menschheit.

Trotzdem: Ihre Äusserungen für Assad werden im Westen nicht verstanden.

Europa mag denken, was es will. Die allgemeine Meinung im Volk und in der Elite und in den christlichen Gemeinden ist: Der Mann ist da. Versteht Europa unser Land besser als wir? Ich will nicht Assad verteidigen, sondern das syrische Volk. Das ist auch die Meinung der anderen Patriarchen und Bischöfe in der Region. Wir sind doch keine dummen oder blinden Menschen. Wir erleben die Situation und sehen einfach, wo die Möglichkeiten sind.

Kann das Land je wieder zusammenfinden?

Es ist Krieg, nicht Bürgerkrieg. Die Menschen halten noch zueinander. Alawiten, Drusen, Christen, auch Schiiten oder Sunniten leben innerhalb von Damaskus. Es kämpft nicht jeder gegen den anderen. Diese Haltung zueinander ist eine Voraussetzung, um weiterbauen zu können. Aber das friedliche Zusammenleben ist im Zerstörungsprozess. Wenn der Krieg weitergeht, werden die inneren Gegensätze wachsen und der Krieg wird zwischen den Gemeinschaften stattfinden. Das ist die Gefahr. Kirchen kann man wiederaufbauen. Aber bis man Menschen so weit bringt, dass sie einander wieder vertrauen, geht es lange.

Wir haben das Interview auf Deutsch geführt. Sie sprechen die Sprache fehlerfrei. Weshalb?

Ich hatte während der Studienzeit in Rom deutsche Freunde. Später habe ich mit Hilfswerken zusammengearbeitet. Aber angefangen habe ich damit, zehn Minuten vor dem Schlafen alleine Deutsch zu lesen.