Für Michael Brüderli gilt es Ernst. Der Geschäftsführer der Confiserie Suteria Chocolata AG will expandieren. Nicht etwa in einen Nachbarkanton oder ins angrenzende Ausland. Nein. Brüderli zieht es weit weg, genauer nach China. Was sich vor zwei Jahren in seinem Kopf festsetzte, wird jetzt realisiert. «Wenn alles planmässig verlaufen wird, werden wir am 20. August oder spätestens in den Wochen danach in einem nigelnagelneuen Einkaufscenter in der Zehn-Millionen-Metropole Harbin ein Verkaufsgeschäft eröffnen.» Was im Fall einer mittelständischen Confiserie auf den ersten Blick abenteuerlich klingt, hat für Brüderli handfeste Gründe. «Wir wollen wachsen und unser Filialnetz ausbauen. China bietet uns dazu die entsprechenden Möglichkeiten», gibt er sich überzeugt.

Die Idee, als erster Schweizer Confiseur mit einer eigenen Filiale im Riesenland Fuss zu fassen, entstand im Kontakt mit der Hochschule für Wirtschaft an der FHNW in Olten. Deren Direktor, Ruedi Nützi, habe ihm vor zwei Jahren von der bevorstehenden Gründung und Eröffnung des Schulablegers, des Swiss SME Research Center China in der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang, erzählt, blickt Brüderli zurück.

Das Center will mit seinem Know-how und Netzwerk Schweizer KMU Hilfe bieten für einen Markteintritt in China (wir berichteten). Von Beginn an habe ihn die Vision fasziniert. Und die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Hochschule und deren Ableger in China sei eng und professionell. So folgte ein Schritt auf den anderen. 2013 besuchten Kadermitglieder der chinesischen Provinzregierung die Produktion der Suteria in Solothurn. In den Gesprächen habe sich gezeigt, dass die Schweizer Schokolade in China einen sehr guten Ruf geniesse.

Zwei vom Researchcenter in Harbin erarbeitete Marktabklärungen hätten diesen Befund bestätigt. «Gerade im Bereich Nahrungsmittel sind die Chinesen nach etlichen Lebensmittelskandalen heikel, und da spielt das Label Swiss Made eine gewichtige Rolle», berichtet Brüderli. Es werde nach Qualität verlang, und «die Chinesen sind bereit, dafür zu bezahlen».

Inzwischen weilte der 45-jährige Unternehmer zweimal in Harbin. Es handle sich um «eine schöne Stadt mit einem für den Schokoladeverkauf günstigen – weil nicht zu heissen – Klima», berichtet er lachend. Das neue Einkaufscenter biete ein gutes Umfeld für einen Confiseriebetrieb. Es sei auf Lebensmittel konzentriert und Weltmarken wie Starbucks oder Subway seien eingemietet. Im rund 40 Quadratmeter grossen Verkaufsladen wird die Suteria ausschliesslich Schokoladeprodukte – von Pralinés, über Truffes bis hin zu normaler Tafelschokolade – anbieten. Ein Verkauf der Hauspezialität, der Solothurner Torte, ist aus Haltbarkeitsgründen aber nicht möglich, sagt Brüderli.

Das Absatzpotenzial könne er zwar nicht beziffern. Es sei aber vorhanden und er rechnet vor: Die Riesenstadt zähle rund eine Viertelmillion reiche Einwohner und die Mittelschicht wachse rasant. Beide Gruppen könnten sich Schweizer Schokolade leisten – und seien wie erwähnt auch bereit, dafür einen verhältnismässig hohen Preis zu bezahlen. Die Suteria werde sich mit ihren Produkten im Hochpreissegment bewegen. Bedingung dazu sei wie hierzulande, dass die Qualität stimme. «Wir sind keine Fabrik, sondern eine Manufaktur. Sämtliche Produkte werden sozusagen in Handarbeit gefertigt.» Deshalb sei eine Produktion der Schokolade in China absolut kein Thema. «Das würde keinen Sinn machen, denn unsere Produkte leben von ‹Swiss Made›.»

Im Rahmen seiner Expansionsstrategie habe er nicht gezielt China gesucht. Das habe sich – basierend auf den Kontakten mit der Fachhochschule – so ergeben. Bei seinem Entscheid habe er Berichte über Menschenrechtsverletzungen und über schwierige politische Verhältnisse nicht ausgeblendet. China werde sich auch in diesen Bereichen weiterentwickeln, und vieles habe sich inzwischen bereits verbessert. Er selber schaue, dass das für den Laden rekrutierte chinesische Personal gemäss den dortigen Bestimmungen entlöhnt werde. «Wir zahlen über dem Durchschnitt liegende Löhne», versichert Brüderli. Andererseits wolle er auch nicht Weltverbesserer spielen. «Letztlich bin ich Unternehmer. Wenn Marktchancen vorhanden sind, sollen diese genutzt werden.» Und Brüderli ist vom Fach. Er startete seine berufliche Karriere mit einer Lehre als Konditor/Confiseur bei der Suteria. Nach elf Jahren im Verkauf/Marketing beim Schokoladeriesen Barry Callebaut leitet er seit Mai 2011 die Suteria Chocolata AG, welche sich immer noch im Besitz des Firmengründers Manfred Suter befindet.

Auch die Risiken des China-Abenteuers blendet Brüderli nicht aus. Aber sie seien überschaubar. Budgetiert sind Ausgaben von rund 150 000 Franken für Vorabklärungen, die Shop-Infrastruktur und einen Jahresmietzins. «Falls wir Schiffbruch erleiden werden, haben wir diesen Betrag zwar in den Sand gesetzt, aber umso reicher sind wir an Erfahrungen.» So oder so, die Existenz des traditionsreichen Betriebes mit vier Verkaufspunkten in Solothurn und Olten, einem Produktionsstandort in Solothurn sowie rund 80 Mitarbeitenden werde keinesfalls aufs Spiel gesetzt. Im Übrigen wäre eine Expansion – beispielsweise in die Stadt Bern – wegen der grossen Konkurrenz und der deutlich höheren Investitionskosten nicht mit weniger Risiken behaftet.

Jetzt gilt es wirklich ernst. In den nächsten Tagen wird Michael Brüderli rund eine halbe Tonne Schokoladeprodukte aus der Manufaktur in Solothurn per Luftfracht nach Harbin verschicken. An den ersten zehn Tagen nach Eröffnung des Ladens wird er persönlich vor Ort sein, um mitzuhelfen, die Schoggi absetzen zu können. Für das erste Geschäftsjahr hat Brüderli einen Umsatz von 1,5 Millionen Franken budgetiert. Je nach Verlauf der Geschäftsaktivitäten kann er sich vorstellen, weitere Filialen in der Metropole aufzubauen. Vorausblickend hofft Brüderli, dass «wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sind».