Wo verbringen süchtige Menschen in Solothurn ihren Alltag, wenn andere zur Arbeit gehen? Zum siebten Mal bereits nahmen die Mitarbeitenden der Suchtfachstelle Perspektive Region Solothurn Neugierige mit auf eine Reise durch die Stadt und öffneten Türen zu geschützten Orten, die sonst nur den Menschen am Rande der Gesellschaft vorbehalten sind. Darunter die evangelisch-methodistische Kirche, wo den Klienten der Perspektive und armutsbetroffenen Menschen täglich ein kostenloses Frühstück angeboten wird, und die Gassenküche, die für randständige Menschen nicht nur warme Mahlzeiten bereithält, sondern dazu beiträgt, dass der an sich schwere Alltag eine Struktur erhält und somit die ständig latent vorhandene gesellschaftliche Ausgrenzung und drohende Isolation verhindert wird.

Gelohnt hat sich aber auch ein Besuch im Mutterhaus der Perspektive, wo nebst der Administration – die Suchtfachstelle beschäftigt im Moment 55 Mitarbeitende – die Sucht- und Jugendberatung, die Suchtpräventionsstelle und Schulsozialarbeit zu Hause sind, aber auch Arbeitseinsätze vermittelt und das begleitete Wohnen organisiert wird.

«Stets nahe am Tod»

Beeindruckt waren die rund 50 Interessierten auch von der der Gassenküche angegliederten Kontakt- und Anlaufstelle, wo den täglich über 50 Besuchern im Durchschnittsalter von 43 Jahren sowohl Injektions- wie auch Inhalationsräume zur Verfügung stehen, Spritzen verabreicht und Wunden gepflegt werden.

Kurz: eine der Stellen, die darauf ausgerichtet ist, dass die Suchtphase mit möglichst wenig Schaden in körperlicher, psychischer und sozialer Hinsicht überstanden werden kann. «Suchtkranke sind stets nahe am Tod», gab die Geschäftsleiterin Karin Stoop zu bedenken.

Einmalig war auch der Einblick in das von der Solothurner Spitäler AG betriebene Zentrum für substitutionsgestützte Behandlung Gourrama im Obach, wo primär Suchtbetroffene, welche erfolglos Entzüge gemacht haben, die Möglichkeit erhalten, reines Heroin oder ein Ersatzmedikament zu konsumieren. Darunter sind nicht nur Randständige, sondern auch Klienten, die einer Arbeit nachgehen und eine Familie haben.

Zahlen, die zu denken geben

Es war keineswegs Zufall, dass für den Ausgangspunkt der Führung der Amthausplatz gewählt wurde. «Die meisten wissen, dass der Amthausplatz ein beliebter Ort für unsere Klienten ist», sprach Karin Stoop ein Thema an, das in der Bevölkerung immer wieder für Unverständnis sorgt. «Das Bushäuschen ist ein Ort, wo man Kollegen trifft und der Einsamkeit entrinnen kann. Zudem ist die Nähe zum Coop und Denner sowie einer Apotheke ideal», warb sie für Verständnis.

Etwas wurde den Rundgängern schliesslich unmissverständlich klar: Obwohl ein bemerkenswertes Netz von kompetenten Fachstellen mit engagierten Mitarbeitenden für die suchtbetroffenen Menschen sorgt, die Suchtproblematik ist nicht kleiner, sondern nur weniger auffällig geworden.

Allein in Solothurn und Umgebung rechnet man mit 8500 bis 17'000 Cannabis- und 1000 Heroin- und Kokainkonsumenten. Rund 8500 Einwohner sind alkoholsüchtig und 35'000 Personen konsumieren Alkohol im Risikobereich, so die Perspektive-Geschäftsführerin. Dies ganz abgesehen von der Spielsucht, die immer mehr Menschen ruiniert.