Kloster Namen Jesu
Stillsitzen kann die fleissige Schwester auch mit 95 Jahren noch nicht

Im Kloster Namen Jesu wird am Dienstag ein Geburtstag gefeiert. Schwester Maria Anna Felder wird 95-Jährig. Seit 70 Jahren gehört die ursprüngliche Entlebucherin zum Orden der Kapuzinern.

Silvia Rietz
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Schwester Maria Anna Felder vor den Eingang zum Kloster.

Schwester Maria Anna Felder vor den Eingang zum Kloster.

Silvia Rietz

Schwester Maria Anna Felder flitzt nicht mit dem Rollator, sondern mit dem Trottinett durch die langen Gänge vom Kloster Namen Jesu. An den Vormittagen ist sie regelmässig für ein paar Stunden an der Pforte anzutreffen, bedient das Telefon, lässt Besucher eintreten. Heute feiert die rüstige Kapuzinerin ihren 95. Geburtstag und blickt auf 70 Jahre in der Ordensgemeinschaft zurück.

Mit dem Trottinett im Kloster unterwegs: Schwester Maria Anna.

Mit dem Trottinett im Kloster unterwegs: Schwester Maria Anna.

Silvia Rietz

«Klosterfrau» ist keine Rolle auf Zeit, sondern umfasst das ganze Ich. «Man muss dieses Leben wirklich anpacken wollen, mit allen Konsequenzen – und es nicht als eine Option unter vielen sehen», resümiert Schwester Maria Anna. Natürlich sind das Gebet, die Spiritualität und die Kontemplation zentral. Das Klosterleben reicht aber weit darüber hinaus. Die alten Gemäuer und der riesige Garten machen viel Arbeit. Jede Schwester wird nach ihren Möglichkeiten eingesetzt.

Strenge Klosterregeln

Als Schwester Maria Anna 1946 ins Kloster eintrat, besorgten die Schwestern noch alle Arbeiten selber, betrieben neben der Hostienbäckerei eine Landwirtschaft, eine Mädchenschule und eine Apotheke.

Das Klosterleben wurde vor dem Konzil und der Synode 1972, die eine Öffnung brachten, jedoch nicht nur vom Rhythmus «Beten und Arbeiten» geprägt, sondern auch von den strengen Regeln der Klausur und der damals starren Klosterhierarchie.

Immer zuerst fragen

Diese bekam die junge Schwester beim Küchendienst zu spüren. «Wir verarbeiteten nur, was der Garten und die Landwirtschaft hergaben. Für das Sonntagsfrühstück wurde selber Butter gemacht. Kartoffeln und Gemüse kamen praktisch täglich auf den Tisch. Blieb nach dem Verkauf zu wenig Milch übrig, kochte ich für den Znüni Suppe. Wollte ich ein Ei, etwas Mehl oder Zucker verwenden, musste ich zuerst die Helfmutter um Erlaubnis fragen. Eigenverantwortung und selbstständiges Handeln waren verpönt», erinnert sie sich.

Ab und zu ein träfer Spruch

Auch ausserhalb der Klostermauern herrschte damals Schmalhans als Küchenmeister. «Wenn ich ab und zu einmal ein Teigwarengericht servierte, wunderte sich der Knecht: ‹Die essen nicht das vom Garten, sondern das aus den Papiersäcken.›» Nach 20 Jahren Küchendienst war Schwester Maria Anna als Gartenschwester, in der Apotheke und in der Hostienbäckerei anzutreffen.

Klosterfrauen werden in der Gemeinschaft nicht pensioniert, sondern verrichten die Arbeiten, die ihnen liegen und für welche die Kräfte reichen. «Ich bringe mich immer noch selber durch», spielt sie auf den Pfortendienst an und lacht. Träfe Sprüche gehören zu ihrem Humor, der die grossen und kleinen Dinge des Alltags in die richtige Perspektive rückt. Anpacken und «schaffe» ist die vitale Frau seit Jugendtagen gewöhnt, wie auch für die ihr an der Pforte zugetragenen Anliegen und für ihre Angehörigen zu beten.

Abschied unter Tränen

Mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof im Entlebuch aufgewachsen, half die mittlere Tochter fleissig mit. Besonders gerne war sie auf der familieneigenen Alp. «Mit meinen Schwestern musste ich die Schweine hochtreiben. Das war ein Tagesmarsch», erzählt sie. Obwohl sie diesen Sommer die Alp besuchte, ist es ihr grösster Wunsch, die vertrauten Hügel und Wiesen nochmals zu sehen. In der Kapelle auf der Alp Schimberg hörte sie den damaligen Kaplan vom Dienst für Gott predigen.

Nachdem ihr die Mutter den Sinn erläuterte – damit sei nicht allein das Beten, sondern auch eine Abkehr von der Welt gemeint – spürte sie den Wunsch nach einem kontemplativen Ordensleben. Mit 25 Jahren setzte sie den Entschluss durch. Am Vorabend, bevor die junge Frau den Schleier nahm, sassen ihre Mutter und Schwestern auf dem Kachelofen und weinten. «Mein Vater erwachte, kam in die Stube, scheuchte uns ins Bett und sagte: Hört auf zu plärren. Die Josy schicken sie wieder heim. Die kann ja nicht still sein.» Beim Erzählen funkeln die Augen vergnügt und plötzlich lacht sie: «Aber Josy kam nicht mehr.» Obschon, stillsitzen kann die fleissige Schwester Maria Anna noch immer nicht.

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