Nachgefragt
Stellvertretender Museumsleiter Andreas Schäfer: «Die Taube ist ein anmutiger Vogel»

Im Naturmuseum Solothurn gab es vor zwei Jahren eine Sonderausstellung zum Thema Stadttauben. Andreas Schäfer, stellvertretender Museumsleiter, hat damals die Sonderausstellung realisiert.

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Andreas Schäfer ist stv. Museumsleiter im Naturmuseum Solothurn.(Archivbild)

Andreas Schäfer ist stv. Museumsleiter im Naturmuseum Solothurn.(Archivbild)

Wolfgang Wagmann

Herr Schäfer, wieso sehen alle Stadttauben auf der Welt gleich aus?

Andreas Schäfer: Die Stadttauben stammen von den Felsentauben ab, die an Felsenklippen an der Meeresküste heimisch sind. Seit der Mensch sesshaft ist, wurden Tauben als Dünger- und Fleischlieferant gezüchtet. So entstanden mit der Zeit die in ihrem Aussehen sehr vielfältigen Haustauben. Einige dieser Haustauben kehrten jedoch nicht mehr zum Besitzer zurück und fanden am urbanen Raum Gefallen: Häuserfassaden und Dachstöcke bieten ihnen geeignete Brutplätze. Überdies besteht ein enormes Nahrungsangebot. So ist unsere Stadttaube entstanden – aus einer einst domestizierten und wieder verwilderten Felsentaube.

Und jetzt sind die Stadttauben eine Plage?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Aber durch das grosse Nahrungsangebot und dadurch, dass ein Taubenpaar bis zu zehn Junge pro Jahr erzeugt, kann sich eine Taubenpopulation schnell vergrössern. Wenn es zu viele Tauben im Verhältnis zum Brutplatzangebot gibt, können Probleme entstehen.

Sind die Tauben überhaupt ein Problem oder werden sie einfach als Problem dargestellt?

Gewisse Umstände sind problematisch: So ist ihr Kot aggressiv und kann Schäden an Gebäuden anrichten. Wenn die Population zu gross wird, dann stört dies nicht nur die Menschen, sondern bedeutet auch erhöhte Aggressivität und Stress unter den Tieren. Eine gestresste Taube ist anfälliger auf Parasiten und Krankheiten, die auch auf den Menschen übertragen werden können. So kann aus einer gesunden Population schnell eine kranke werden.

Von was ernährt sich die Taube?

Die Taube ist mehrheitlich eine Vegetarierin und ernährt sich normalerweise von Sämereien auf den Feldern. Weshalb aber in die Weite fliegen, wenn es in der Stadt zwar ein weniger gesundes, aber riesiges Nahrungsangebot gibt? Sie frisst Abfälle und wird auch von Menschen gefüttert. Um die Population nicht unnötig anwachsen zu lassen, sollte man das Füttern aber unterlassen – auch dem Tier zuliebe.

Wie kann man eine Population kontrollieren?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um eine Population zu kontrollieren, wie sie auch in der Stadt Solothurn gemacht wird. Langfristig wirkt aber nur das Minimieren der Nahrungsquellen. Tauben haben in der Stadt auch fast keine natürlichen Feinde. Der Wanderfalke beispielsweise ist ein natürlicher Feind. Massnahmen, diesen in die Stadt zu locken, würden bestimmt helfen. Übrigens hat man ihn auch schon über Solothurn gesichtet.

Was fasziniert Sie an den Tauben?

Mich beeindruckt, wie geschickt eine Taube in der Luft ist. Sie hat einen ausgeprägten Orientierungssinn und sieht sehr gut. Das perfekt gelegte Federkleid macht sie zu einem anmutigen Vogel. Auch ihre Bedeutung in der Kultur- geschichte als Friedenssymbol oder Nachrichtenüberbringerin macht die Taube interessant.

Ein Tier, das in die Stadt gehört?

Die Taube mit ihrer hohen Anpassungsfähigkeit ist in der Stadt zu Hause und ist allgegenwärtig. Einige Menschen finden, dass sie zum Stadtbild dazu­gehört, andere verachten sie. Es ist bestimmt ein Vogel, der sich sehr gut in einer urbanen Umgebung zurechtfindet, was beeindruckend ist. (jfr)

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