St.-Ursen-Kathedrale
Statuen sollen dank neuer Farbe länger weiss bleiben

Seit Jahren suchten Experten nach der geeigneten Farbe für die Statuen auf der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn. Nun haben sie endlich eine gefunden, welche den Anforderungen gewachsen zu sein scheint.

Bastian Heiniger
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Seit Bestehen der Statuen auf der Balustrade der St.-Ursen-Kathedrale Solothurn sind sie die «Sorgenkinder» der Bauherren, denn sie sind aus gelbfarbigem Neuenburger Stein gemeisselt.

Seit Bestehen der Statuen auf der Balustrade der St.-Ursen-Kathedrale Solothurn sind sie die «Sorgenkinder» der Bauherren, denn sie sind aus gelbfarbigem Neuenburger Stein gemeisselt.

Jürg Stauffer/Kant. Denkmalpflege

Die Statuen der St.-Ursen-Kathedrale sehen auch im zweiten Winter nach der Restauration aus, als wären sie soeben erst aus dem Stein gehauen worden: keine abgeblätterte Farbe, keine gelben Flecken, keine Abspaltungen. «Ein gutes Zeichen», findet Pius Flury, der seit 1979 als Architekt die Kathedrale betreut.

Es scheint, als hätten die Restauratoren endlich ein Heilmittel gefunden, damit die Figuren länger weiss und ohne grössere Schäden bleiben. Vieles wurde getestet, lange wurde herumgedoktert. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Von der sogenannten Silikatfarbe, die sich aufgrund einer chemischen Reaktion besser mit dem Stein verbindet, verspricht sich Flury nun einiges: Dank dieser Farbe könnte es sein, dass man für die nächsten 50 Jahre Ruhe hat, sagt er.

Gesteine unterschiedlicher Beschaffenheit und Farbe

Das wäre ein gewaltiger Fortschritt. Allein in den letzten hundert Jahren waren ungefähr alle 30 Jahre Restaurationen fällig: Um 1901, 1933 und 1979, die letzte wurde 2013 abgeschlossen – eine kostspielige Angelegenheit für die römisch-katholische Kirchgemeinde Solothurn, belief sich doch die neuste Instandsetzung auf gut 250 000 Franken.

Warum aber müssen die Statuen ständig restauriert werden? Das Problem: Sie bestehen aus einem Neuenburger Kalkstein, die Kathedrale indes aus Solothurner Kalkstein (siehe Kasten ganz unten). Der feinkörnigere Stein aus Neuenburg eignete sich zwar besser für die Bildhauerei, weshalb er für filigranere Arbeiten gewählt wurde. Aber: Er ist gelb. Die Statuen erhielten deshalb nach ihrer Erstellung einen Anstrich mit weisser Ölfarbe – Fassade und Figuren schienen einheitlich. Damals.

Dass Farbe nicht ewig halten würde, ist klar. Vor der Restauration von 1979 hoben sich die unterdessen gelb gewordenen Figuren von der weissen Fassadenwand ab – ein Kontrast, der bei den Solothurnern nicht unbeliebt war. Nur: Dies widersprach der ursprünglichen Absicht der Bauherren. Einmal mehr erhielten die Figuren einen Anstrich.

Langes Experimentieren

Weil die Restauratoren diesmal frühere Fehler vermeiden wollten, wählten sie eine besonders schonende Farbe. «Wir gehen davon aus, dass frühere Anstriche wahrscheinlich zum Zerfall des Materials geführt haben», sagt Flury. Die Steinfiguren sind heikle Patienten: Bei einer zu dichten Farbe könnte es sein, dass unterhalb des Sockels Feuchtigkeit eindringt, die dann nicht mehr entweichen könnte. Gefriert die Feuchtigkeit, entstehen Risse. Bei einer zu durchlässigen Farbe könnte saures Regenwasser eindringen, was zu einer chemischen Reaktion führt: An dem Kalkstein bilden sich dann Gipskrusten. Es entstehen Risse.

Die schonende Farbe aus 1979 war jedoch keine Lösung. Schon bald schlugen wiederum gelbe Flecken durch; besonders an Stellen, an die der Regen peitscht und der Winde schlägt. Eine neue Methode war gefragt: 1991 trugen Wissenschafter an den Deckelurnen verschiedenste Farben auf. Sie testeten, untersuchten, beobachteten – zehn Jahre lang. Sie wollten herausfinden, welches Farbsystem sich dauerhaft und künftig eignen würde. Das Resultat überraschte alle. Es war Ölfarbe. «Die Experten meinten: Das machen wir nicht mit Ölfarbe», so Flury. Zu gross waren die Bedenken aufgrund deren Dichte.

2009 wurde sodann eine Farbe gewählt, die ähnlich gut schien. Ein Fehler. Bereits im nächsten Winter blätterte die Farbe ab. Wieder folgten Tests, wieder folgten Auswertungen. Diesmal mit Erfolg. Seit dem Anstrich von 2013 werden die Figuren halbjährlich genauer begutachtet. Bis jetzt gäbe es nichts zu bemängeln, sagt Flury. Die Silikatfarbe scheint den Anforderungen der nun makellos weissen Statuen gewachsen.

Die Statuen der St.-Ursen-Kathedrale sind «Neuenburger»

Seit über zweihundert Jahren blicken sie in stoischer Gelassenheit über die Giebel der Altstadt, die Figuren auf der St.-Ursen-Kathedrale. Geschaffen wurden sie von Johann Baptist Babel. Einem Künstler, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum angesehensten Bildhauer der Innerschweiz aufstieg.

Sein Ruf aber ging weit über die Zentralschweiz hinaus. Und so kam Babel im Frühling 1772 von Einsiedeln nach Solothurn, um den an ihn angedachten Auftrag zu besprechen. Babel stellte verschiedene Forderungen: Die Steine seien ihm unentgeltlich zu liefern, der Rat müsse ihm eine Werkstatt und das nötige Holz zum Heizen bereitstellen, und das Versetzen der Statuen soll die Stadt übernehmen. Solothurn willigte ein. Unter der Bedingung jedoch, dass Babel die Figuren auf der Hauptfassade und jene auf den beiden Brunnen bis im August 1773 vollendet haben soll. Als Bezahlung wurde für jede Figur der Einheitspreis von 12 Livres ausgemacht.

Die Zeit drängte. Doch das war nicht das einzige Problem: Der begehrte Bildhauer sollte eigentlich noch mehrere Arbeiten für den Fürstabt von Einsiedeln ausführen. Dank einem Bittschreiben erliess ihn der Abt jedoch von den Pflichten. Im Frühjahr 1773 konnte Babel beginnen.

Die Auswahl des Figurenensembles traf nicht Babel, sondern der Chorherr und der Stadtprediger: In der Mitte wollten sie das Solothurner Wappen, gehalten von den beiden allegorischen Figuren des Glaubens (Religio) mit Buch, Kreuz und Kelch sowie der Stärke (Fortitudo), die einen Säulenstumpf hält. Auf der Balustrade dann die Heiligen der Stadt Solothurns und der Thebäischen Legion – eine Legion der römischen Armee, deren sämtliche Mitglieder um das Jahr 300 im Wallis den Märtyrertod erlitten haben sollen. Auf der linken Seite stehen nun (von innen nach aussen) St. Urs, St. Verena und St. Mauritius und auf der rechten St. Viktor, St. Regula und St. Felix. Das waren die sechs ursprünglich geplanten Skulpturen. Dann aber fand es die Kirche angebracht, auf den Seitenflügeln jeweils zwei weitere Statuen aufzustellen, und zwar solche von heiligen Schweizern. Links kamen somit St. Stephan und der heilige Wohltäter Karl Borromäus hinzu und rechts der Schweizer Apostel St. Beat und der Bruder Klaus. Damit waren die zehn Figuren und die Allegorien mit dem Stadtwappen komplett.

Um die Statuen zu schaffen, blieb Babel knapp ein halbes Jahr. Am 26. September 1773 sollte die Kirche eingeweiht werden. Die grösste Schwierigkeit war jedoch nicht der Zeitdruck, sondern das Material: Der Solothurner Kalkstein erwies sich als zu hart und brüchig. Ein geeigneterer Stein musste her. Der Bildhauer entschied sich schliesslich für den etwas weicheren, allerdings honiggelben Neuenburger Kalkstein. Vom neuenburgischen Saint-Blaise aus wurde dieser sodann per Schiff nach Solothurn transportiert – verrechnet wurden lediglich das Brechen der Steine und der Transport.

Dann aber die Ernüchterung: Bereits bei der ersten Figur brach der Stein auseinander. Was nun? Babel reiste selbst nach Saint-Blaise, prüfte das Gestein und fand bei einer neu abgedeckten Steinbank solideres Material. Nur: Die Lieferung erfolgte schleppend. Es war bereits Mai. Der Rat musste Druck machen und in Neuenburg mahnen, dass die Statuen am 26. September an Ort und Stelle sein müssen. Das half. Pünktlich zur Kirchenweihe konnte Babel seinen Auftrag erfüllen. Und weil seine Arbeit höchste Anerkennung fand, erhielt er letztlich noch einen Zuschlag von 10 Livres. (bah)