Nicht immer ist Kunst so leicht verdaulich und macht Appetit auf mehr, wie die Performance am Samstag vor dem Kunstmuseum. Das Erntemahlfest war der Abschluss des durch Max Bottini realisierten Projekts «erntema(h)l!», das vor rund zwei Jahren lanciert wurde. Nun verwandelten sich die im Garten des Kunstmuseums biologisch angebauten Gemüse und Kräuter in herrliche Speisen. Vergängliche Kunst auf eine ganz neue Art erlebbar: Die Besucher trugen die Meisterwerke im Magen mit nach Hause.

Statt künstliches Essen gab es Essen als Kunst. Eigentlich ist es ganz simpel: Wenn man harte Arbeit eine «Aktion» nennt, dann wird sie zur Kunst. An den Ständen vor dem Kunstmuseum standen die 48 Köche – alle unentgeltlich – abwechslungsweise im Einsatz. Wunderbar gewürzte Gemüse-Potpourris und Bratkartoffeln in den verschiedensten Variationen standen den Besuchern zur Auswahl. Gratis. Da wurde nichts kalt, kaum war das Essen «ling», war der Kochtopf schon wieder leer. Der Luterbacher Markus Knuchel war einer der Köche. «Zwei Drittel des Gemüses haben wir gestern hier im Garten geerntet. Wir wussten, dass das nicht reichen wird und so haben wir auch Spenden von biologischen Produkten aus der Region angenommen.»

Viele freiwillige Helfer

Vor zwei Jahren hatte die Arbeit an dem ephemeren, also vergänglichen Kunstwerk begonnen. «Alle Energien, Bestrebungen und Aufwendungen zielten auf diesen einen Tag hin», erklärte Anna Bürkli vom Solothurner Kunstverein als Kuratorin das Projekt. «Das Vorhaben hat einen kollektiven Prozess angestossen, bei dem nun sämtliche Leistungen und Beiträge einer Gemeinschaft dem Gemeinwohl zu Gute kommen. So haben während der letzten vier Monate rund hundert freiwillige Helfer den Gemeinschaftsgarten betrieben, die Hähneaufzucht betreut, die Auf- und Abbauarbeiten der Festinstallationen an die Hand genommen.»

Erntema(h)l-Fest vor dem Kunstmuseum Solothurn

Erntema(h)l-Fest vor dem Kunstmuseum Solothurn

Während der Kochaktion hatte das Kunstmuseum Solothurn geöffnet. Im ersten Stock waren ausgewählte Bilder aus der Sammlung zu sehen, die einen Bogen zum Aussenprojekt schlugen und veranschaulichten, dass die bildende Kunst immer gestaltete Natur und den Alltag spiegelt.

Das künstlerische Projekt forderte aber auch Todesopfer: Ein Dutzend Hähnchen der Rasse «Appenzeller Spitzhauben» verloren den Kopf und landeten im Topf. «Bei dieser Rasse legen die Hühner fleissig Eier und die Hähne geben viel Fleisch», erklärte Züchter Sepp Nussbaumer aus Mümliswil, der heute auf dem Lampenberg lebt. Sein besonderer Stolz sind die weissen «Schweizer Hühner». Und auch zur Qualität wusste er etwas zu berichten: «Wenn das Ohrläppchen rot ist, dann gibt es crèmefarbige Eier.» Mit seiner Teilnahme am Projekt «erntema(h)l!» hofft Nussbaumer, wieder mehr Menschen für die seltenen Rassen begeistern zu können. «Ein Poulet der Rasse Schweizer Huhn kostet zwar das doppelte, aber es schmeckt auch mindestens viermal so gut wie eines aus Batteriehaltung.»

Symbol für Gemeinschaft

«Was nichts kostet ist nichts wert» – sagt der Volksmund. «Gratis ist unbezahlbar», meint dagegen Anna Bürkli. «Es hätte dem Sinn der Sache widersprochen, wenn wir auch nur einen symbolischen Preis für das Essen gefordert hätten. Aber was hat aus Sicht der Kuratorin ein biologischer Gemüsegarten mit Kunst zu tun? «Er ist das Symbol für die grosse Gemeinschaft, die dahinter steht und zusammen arbeitet. Das ist eine soziale Plastik. Das Kunstwerk ist immateriell und besteht aus einem Netzwerk von Menschen. Es sind daraus bereits Initiativen für Gemeinschaftsgärten entstanden. Wir hoffen, dass wir bei vielen Menschen einen Anstoss geben konnten, damit sie in Zukunft mehr Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil legen werden.»