Solothurn

Stars sounden für Kinder in Kenia

Annedore Biberstein inmitten einer kenianischen Kinderschar, die ihre Schule besucht.

Annedore Biberstein inmitten einer kenianischen Kinderschar, die ihre Schule besucht.

Mit einer Freundin gründete Annedore Biberstein in Kenia eine Schule – nun gibts ein Benefizkonzert in der Kulturfabrik Kofmehl.

Es war ein Schlüsselmoment, der Annedore Biberstein zuerst erschütterte und dann zu einem humanitären Akt beflügelte: Vier Jahrzehnte lang hatte sie als Touristin Kenia besucht, bis vor zehn Jahren während der Präsidentschaftswahlen Ausschreitungen das Land heimsuchten. «Ich wurde Zeuge schrecklicher Szenen: Nachbarn, die vorher friedlich nebeneinander wohnten, schlugen sich gegenseitig zu Tode und brannten alles nieder», erinnert sich die gebürtige Österreicherin heute. «Das Land ist schön, die Leute sind nett, doch wie kann ich helfen?», fragte sie sich damals. Ihre Antwort darauf: «Bildung ist der einzige Weg.» Die Hoffnung dahinter: dass sich gebildete Menschen nicht so einfach für politisch motivierte Ausschreitungen manipulieren lassen würden.

Biberstein selbst wurde während des Zweiten Weltkriegs in Österreich geboren und wuchs in einer Familie auf, die auch nicht mit Reichtum gesegnet war. «Aber eine gute Schulbildung erhielt ich», sagt sie heute dankbar. Und so gründete sie unmittelbar nach ihren Erlebnissen in Kenia zusammen mit Freunden den Verein Kenyan Children Help. Mission: sich um die Bildung in diesem Land zu engagieren. «Die Menschen dort sind unvorstellbar arm, sie haben kein Wasser und oft fehlen auch Nahrungsmittel. Nicht viele konnten es sich leisten, zur Schule zu gehen», beschreibt sie die Situation.

Dies gelte insbesondere während Dürreperioden, die immer auch mit Lebensmittelverknappung einhergehen. Und auch sonst sei die Situation der öffentlichen Schulen in Kenia desaströs: baufällige Unterrichtsgebäude und Klassenzimmer mit bis zu 100 Kindern.

Man muss vor Ort sein

So flossen bald einmal Unterstützungsgelder des Vereins in eine bestehende Schule in Mackinon Road. Und Biberstein, die seit jungen Jahren Solothurn als zweite Heimat gewählt hatte, fand im September 2010 in Kenia ihre dritte. Sie wanderte aus. Vor Ort jedoch stellte sie fest, dass ein Grossteil der Gelder, die der Verein der Schule hatte zukommen lassen, veruntreut worden waren. «Leider muss man in Afrika vor Ort sein, um die Ausgaben kontrollieren zu können», denkt sie an die Zeit zurück.

Bald fand sie in der Nähe des südkenianischen Städtchens Voi ein eigenes Grundstück mit Schulruine, das sie mit Vereinsgeldern für eine Schule erwarb. Im September 2011 begann der Unterricht in der renovierten und ausgebauten Schule «New White House Academy». «Der Ruf unserer Schule verbreitete sich schnell, so sind bei uns Kinder verschiedenster Stämme und auch unterschiedlicher Religionen.»

Das neue Angebot mit einem breiten Fächerangebot von Kiswahili bis hin zur Informatik fand Anklang, sodass die Schule wuchs und wuchs: innert drei Jahren auf 100 Kinder. Zuletzt konnte nach weiteren Ausbauarbeiten im Schuljahr 2016 eine Sekundarklasse eröffnet werden. Und so werden an der Schule Kinder ab drei Jahren unterrichtet, während die ältesten Jugendlichen bis zu 21 Jahre alt sind.

Heute lernen und leben bis zu 300 Kinder aus allen Landesteilen an der Schule und werden neben der Bildung auch mit Kost und Logis sowie auch medizinisch versorgt. 21 Lehrkräfte unterrichten an der «New White House Academy», 25 weitere Angestellte sind sonst für den Unterhalt und den Betrieb der auch als Schülerheim geführten Schule tätig.

Nur die Regierung hält sich zurück

«Es gibt fast keinen Monat, in dem wir nicht bauen, ausbauen oder renovieren müssen.» Auch von lokalen Behörden erhalte man regen Zuspruch. Nur die Regierung selbst hält sich zurück: Von ihr kommt weder Anerkennung noch Unterstützung.

Dafür konnte Biberstein bis heute in der Schweiz und in Deutschland Gönner und Paten für ihr Projekt um sich scharen. So halfen beispielsweise die Udo-Lindenberg-Stiftung und Rolf Stahlhofen von den «Söhnen Mannheims» mit, durch eine Brunnenbohrung Trinkwasser in der Halbwüste zu erschliessen.

«Gemeinsam sind wir lauter»

Die jüngste Aktion hingegen führt Biberstein wieder nach Solothurn zurück: Geprägt von einem Besuch in Voi im vergangenen Jahr kam Musikerin Brigitte Geiser mit der Idee zurück, Biberstein mit einem musikalischen Projekt zu unterstützen. Unter Initiative der Band «Dögz», bei der Geiser mitwirkt, ist nun ein Benefizkonzert zustande gekommen, das am 18. Mai im Kofmehl unter dem Label der blueMonday-Crew zu hören ist. «Gemeinsam sind wir lauter», heisst das Motto des Abends.

Und zu hören sind als Gastmusiker Marc Storace, Tony Castell, Freda Goodlett, Schöre Müller, Hendrix Ackle, Dieter F. Meier, Jean-Marc Viller, Tom Denzel und Phipu Bluedög Gerber. Eine Ad-hoc-Profiband mit Flavio Mezzodi (Krokus), Roland Sumi-Mestre (u.a. Gigi Motto), Marc Gerber (u.a. Polo Hofer Band), Matthew Savnik, Ernst Buchinger, Stefan Künzli, Dominik Honauer und Dirk Jan Heinstra rundet das Line-up ab.

Annedore Biberstein wird persönlich an diesem Anlass anwesend sein und ihr Projekt vorstellen, bevor sie dann wieder nach Kenia zurückkehrt. Denn dort will sie bleiben, auch wenn zwei Söhne sie mit der zweiten Heimat Solothurn verbinden. So lebt die 74-Jährige neben der Schule, nicht als Lehrerin, aber als Managerin. Privat spürt sie die Entbehrungen des Lebens in Kenia, aber akzeptiert sie: «Es gibt keinen Coiffeur, der mit unseren Haaren etwas anfangen könnte, ich kann mich mit niemanden zu einem Café verabreden, die Lebensmittelauswahl ist sehr begrenzt», sagt Biberstein. Aber: «Alles loszulassen und auf jeglichen Komfort zu verzichten, finde ich befreiend. Eine Krankenkasse habe ich nicht, hatte ausserdem auch noch nie Zeit, krank zu werden.»

Benefizkonzert 18. Mai, 19 Uhr (Tür), Kofmehl. Mehr Infos: www.kofmehl.net und www.kenyanchildrenhelp.ch

Meistgesehen

Artboard 1