Stadt Solothurn

Ständig mehr schrille Events suchen ihren Platz in einer gleich gross gebliebenen Stadt

Wie viele Events verträgt Solothurn?

Wie viele Events verträgt Solothurn?

Kommentar von Wolfang Wagmann zum permanenten Festivitäten-Stress im Solothurner Sommerhalbjahr.

Jetzt noch die HESO. Dann haben wir es wieder einmal gesehen. Das grosse Rambazamba-Halbjahr von Solothurn. Start im April mit den Biertagen, dann die grosse Maisause mit Bike Days, «Platz da!», Literaturtagen, Slow up und etlichem Kleingemüse, gefolgt vom Juni mit Märet- und Freundschaftsfest, ehe die kurze Sommerpause nur von der Vorstädter Chilbi etwas gebrochen wird. Dann gehts ins grosse Sommerfinale: Streetfood, Chästag, Neon-Läufer, Bands überall, dazu wird der Märet «hysterisch», wenn das Standpersonal historisch daherkommt. Dazwischen unzählige Nischen-Anbieter von kleineren Festli und neue Surfer der totalen Spassgesellschaft wie die zweitägige Wasserrutsche am Kronenstutz.

«Das Street Music Festival bräuchte es heute nicht mehr», muss sich ein Organisator des nach 2016 aufgegebenen, sympathischen Vorstadt-Anlasses eingestehen. Recht hat er. Längst sind die paar Wochenenden im Mai, Juni, August und September völlig blockiert mit Veranstaltungen, welche die Freiluft-Bühne Solothurn fast jeden Freitag bis Sonntag (über)strapazieren. Wir reden hier von Kapazitätsengpassen, die schon an «normalen» Wochenenden die Regel sind, sich aber mit dem permanenten Trubel noch aufschaukeln.

Der grosse Musikbrei über der Aare

Doch wie geht Solothurn damit um? Ein Umwelt-Experte des Kantons propagiert das Streichen von Parkplätzen in Solothurn. Schrauben an den Bewilligungen? Dürfte schwierig sein. Bike Days oder Slow Up geniessen schon fast erzieherischen Wert für den Langsamverkehr, Musikanlässe werden zur Kultur geschlagen, auch wenn es des Guten zu viel wird. Denn nicht gerade cool ist beim Nachtessen im tollen Restaurant am Landhausquai ein undefinierbarer Klangbrei über der Aare, gleichzeitig produziert durch drei Bands von verschiedenen Organisatoren in der Vorstadt.

Die Quantität kommt vor der Qualität

Womit wir bei der Koordination wären. Die es so kaum gibt. Wer was veranstalten will, darf. Irgendwo findet sich immer ein Plätzchen. Hauptsache die Feuerwehr und die Sanität kommen vorbei. Dass vielleicht nicht alle Freude am Wochenend-Rummel haben, spielt dabei keine Rolle. Wir Solothurner haben schon immer gefestet und tun es weiterhin auf Teufel komm raus. Qualität spielt da kaum eine Rolle, auf die Quantität kommt es an. Dabei könnte ein zentrales Kommunikations-Desk für alle Player, wie es derzeit in der Polit-Diskussion ist, durchaus gute Dienste leisten.

Was hat die Hotellerie vom Ganzen?

Alarmismus? Solothurn profitiert ja von den Running Gags seiner Party-Community. Meinen viele. Die Logiernächte sind im Allzeithoch, die Bars und Beizen brummen. Die Geschäfte nicht immer, aber manchmal auch. Dabei fehlen im Sommer- und Winterloch qualitativ hochstehende Events wie das ehemalige Classic Openair, wenn die Geschäfts-Hotellerie auf Sparflamme köchelt. Zwar herrscht derzeit noch Euphorie, doch der Horizont dürfte sich für Jürgen Hofers Vorzeige-Werte in Sachen Übernachtungen bald eintrüben. Denn Solothurn steht am Anfang eines neuen Trends: Rasant mehr Longstay- und Airbnb-Angebote, aber auch kombinierbare Lang- und Kurzzeit-Unterkünfte werden kreiert. So plant man in Zuchwil 60 solcher Einzelzimmer in einem seit Jahrzehnten fast leer stehenden, ehemaligen Einkaufscenter. Gebäudebrachen, wie es sie in und um Solothurn viele gibt. Und eine Quelle der Inspiration für Immobilien-Haie sind, die so ihre zuletzt unvermietbaren Flächen als Köder auf den Tourismus-Billigmarkt werfen. Nach dem Lädeli also das Hotel-Sterben?

Gefangen im Hamsterrad der Lustbarkeiten

Die Partymeile Solothurn sollte also nicht in Beliebigkeit versinken, und jedem Trip und Hip unbesehen Tür und Tor öffnen. Kein Wunder, sind die ältesten Grossanlässe mit kultureller Prägung, die Film- und Literaturtage, die wirtschaftlich nachhaltigsten. Dennoch freuen wir uns auf die HESO, den Chlause- und Wienachtsmäret. Denn langweilig wird es uns danach bestimmt nicht: 2000 Jahre Solothurn wollen gefeiert werden. Es dürfte schon am 1. Januar 2020 mit einem Feuerwerk losgehen. Und dann zunehmend sehr eng werden. Mit Terminen, Platz und allem was dazugehört. Aber vielleicht feiern wir inzwischen zu viel, um überhaupt je in Ernüchterung zu verfallen. Wir sind gefangen, im Hamsterrad der Lustbarkeiten. Das sich immer schneller dreht.

wolfgang.wagmann@chmedia.ch

Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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