Seit 35 Jahren ist Pirmin Bischof Schnitzelbänkler. Seit gut sechs Jahren auch Ständerat. Wie geht das rein zeitlich zusammen?

Pirmin Bischof: (Lacht) Im Zweifelsfall verschieben wir halt die Ständeratssession. Nein, meistens fällt diese nicht auf die Fasnacht. Doch lässt sich alles organisieren. Wenn etwas Spass macht, ist es auch möglich. Und ich habe Spass an der Politik wie an der Fasnacht. Aber wir sind jeweils die Letzten, die mit dem Schnitzelbänklen anfangen. In einer Retraite Mitte Januar legen wir das Programm fest und bestimmen die Figuren - zum Proben kommen wir erst zwei Wochen vor der Fasnacht.

Stedtlischiisser an der Solothurner Fasnacht 2013

Stedtlischiisser an der Solothurner Fasnacht 2013

Politik und Fasnacht brauchen einander. Der Narr nimmt die Politik auf die Schippe. Doch ein Politiker als Narr?

Politiker und Narren sind einander viel näher, als man meint. Ab und zu bin ich mir auch nicht sicher, ob ich jetzt im Bundeshaus oder an der Fasnacht bin. Es gab auch immer wieder Beispiele für Politiker im Narrengewand. So trat Fritz Schneider, Stadtammann und später Regierungsrat, mit dem Ambassadore-Bäse auf. Anspruchsvoll wirds aber, wenn ich selbst zum Thema werde.

Die Stedtlischiisser geben sich seit jeher «regimekritisch». Auffallend ist nur, dass der Name nicht immer Programm ist. Es werden von Euch oft nationale oder gar internationale Themen «getüpft»…

Nun, wir wollen politisch sein und nicht einfach nur blödeln. Dabei greifen wir neben (inter)nationalen durchaus auch städtische Themen auf. Neben der Fifa oder Trump kann auch mal ein russisches U-Boot in der Aare auftauchen. Aber wir haben auch schon Akzente mit dem Weissenstein, der Stadtpolizei, jahrelang mit der Fusion Top 5 oder der Besetzung der Einsiedelei gesetzt. Dazu kommen oft sozialkritische Themen wie etwa der Poststellen-Abbau oder die Handy-Sucht.

Stedtlischiisser an der Solothurner Fasnacht 2014

Stedtlischiisser an der Solothurner Fasnacht 2014

Die Stadt Solothurn oder «Honolulu» würden doch genug pikante Themen liefern. Oder kratzt ein Ständerat dem Nationalrat kein Auge aus?

Ich mag mich an kein Jahr erinnern, in dem Kurt Fluri bei uns nicht ein Thema gewesen wäre. So haben wir ihn letztes Jahr als Queen parodiert, mit noch 41 Jahren Regierungszeit bis zum 65-Jahr-Thronjubiläum. Oder zuvor im Rahmen der Fusion als Cäsar.

Und wie nimmt er das auf?

Man soll Humor nicht auf Kosten der Schwachen produzieren. Aber Kurt Fluri ist ein starker Stadtpräsident und trägt das Ganze mit Humor. Er geht ja auch immer wieder an die Fasnacht und amüsiert sich auch über die Sprüche, die ihm gelten.

Die Auftritte der Solothurner Schnitzelbänke wirken auf den Langzeit-Konsumenten mit Verlaub allmählich etwas ritualisiert, standardisiert. Das Publikum wird mit ihnen alt. Frische, freche, innovative Kräfte werden etwas vermisst. Geht Solothurns Schnitzelbank mit seinen Aktivisten bald in die Pension?

Basel ist die grosse Hochburg der Schnitzelbänke, andere grosse Fasnachten wie etwa Luzern kennen sie nicht. Vor 35 Jahren waren die Basler unser Modell. Aber im Gegensatz zu Basel, wo die Auftritte ständig nach dem gleichen Muster gestrickt sind, hat in Solothurn eine eigentliche satirische Aufrüstung stattgefunden. Wir haben für jeden Vers eine eigene Melodie, dann haben wir die Werbesprüche eingeführt und singen auch mehrstimmige Songs. Viele Solothurner Schnitzelbänkler sind sehr stolz auf ihre eigenen, speziellen Auftritte.

Trotzdem…

Ja, ich weiss. Es gibt und gab nicht viele neue Gruppierungen - sieht man einmal von den jungen, frechen Frauen der «Rampesöi» ab. Doch für mich sind die Schnitzelbänke das satirische Element der Solothurner Fasnacht. Dabei möchte es durchaus neue Gruppen vertragen. Ich freue mich über jede neue «Konkurrenz»!

Die Pointe ist das A und das O eines guten Auftritts. Wie kommt man an sie heran?

Das stimmt. Die Pointe zu finden, ist etwas vom Schwierigsten überhaupt. Für eine Pointe nehmen wir ein Thema auf, das alle kennen, und dann muss man dazu eine überraschende Auflösung finden. Wir setzen sehr viel Zeit dafür ein, Pointen herauszufiltern, aber auch solche, die nicht sitzen, wieder rauszuwerfen. Oft streichen wir bis zu einem Drittel aller Verse, mit denen wir in den Schmutzigen Donnerstag gestartet sind, für das restliche Fasnachtsprogramm wieder raus.

Werden Eure Songs tatsächlich übers Neujahr in Österreichs Skihütten gefunden?

Nein, von uns geht niemand nach Österreich Skifahren. Es mag mal vor Jahren einen solchen Einzelfall gegeben haben, aber sonst suchen wir unsere Songs im Internet über Youtube zusammen. Manchmal kommen auch aktuelle Hitparaden-Songs zum Zug. Einmal nahmen wir den Hit Chihuahua (von DJ Bobo) und verballhornten ihn zu «Hesch d› Schi au a?»

Ein wichtiger Bestandteil des Auftritts sind die Accessoires. Die Stedtlischiisser setzen mehr auf den Helgen als auf originelle Masken und Kostüme…

Der Helgen ist für uns wichtig, seit es uns gibt. Zuerst malte sie noch mein Vater. Seit 20 Jahren können wir stolz sein, dass mit Peter Gut der Karikaturist der NZZ und der «Bilanz» unsere Helgen zeichnet. Ein Glücksfall für uns, denn er ist ein ironisch-zeichnerisches Genie. Er sieht jeweils sofort das Komische in einer Situation (deutet auf Guts Zeichnung von Queen Elisabeth mit dem Gesicht von Kurt Fluri).

Und die Kostüme?

Da sind wir eher sparsam. Immer dabei haben wir dagegen den «Wagen», eine grössere technische Installation. Einmal war es ein U-Boot.

Seit jeher durften Frauen mit Euch mitmachen und sie tun dies mit grosser Lust seit Urzeiten. Wird nun #metoo das «Stedtlischiisser»-Börner-Thema 2018?

Wir waren von Beginn weg eine gemischte Gruppe – damals eine grosse Ausnahme, gabs doch eigentlich nur reine Männer- oder eben Frauengruppen. Ein gemischter Auftritt ist anspruchsvoller, wegen der Verständlichkeit der Stimmen.#Metoo könnte durchaus ein Thema werden. Wir versuchen jeweils, auch solche Themen satirisch aufzubereiten – aber meist auf der Seite der betroffenen Minderheit...

Aber um Donald Trump kommt man derzeit ja fast nicht herum…

Trump war letztes Jahr unser Hauptsujet. Aber wir werden wohl auch hüür nicht um ihn herumkommen.

Die verfängliche Fangfrage: Hättest Du schon mal in einer anderen Solothurner Schnitzelbankgruppe mitsingen wollen. Und ultimativ: In welcher?

Was mich am meisten beeindruckt – aber das hat es damals noch nicht gegeben – ist die Chindergugge der 11i-Schränzer. Als Primarschüler war ich Sängerknabe, und rückblickend könnte ich mich gut auch als 11i-Schränzer vorstellen.