Nach 28 Jahren
Kurt Fluri im grossen Abschiedsinterview: «Ich suche keine Ruhe»

Die neue Solothurner Stadtpräsidentin Stefanie Ingold zieht in das Büro ein, in dem ihr Vorgänger 28 Jahre lange politisiert hat. FDP-Politiker Kurt Fluri schaut im Interview zurück und in die Zukunft und zieht auch ein schonungsloses Fazit, wie er sich als Vater sieht.

Judith Frei
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Kurt Fluri in seinem Büro an der Baselstrasse 7.

Kurt Fluri in seinem Büro an der Baselstrasse 7.

José R. Martinez

Die Wände sind nackt, die Bilder haben schwarze Abdrücke hinterlassen. Das Bild, das Niklaus von Wengi – «einer meiner Vorgänger», wie Fluri schmunzelnd sagt – zeigt, wie er sich schützend vor Kanonen stellt, hängt nicht mehr im Büro. Auf dem Sitzungstisch und den USM-Haller-Möbeln stapelt sich Papier. «Ich bin kein ‹Digital Native›, sondern ein ‹Digital Naiv›», meint Kurt Fluri zum fehlenden Computer auf seinem Bürotisch. Noch ist er an der Baselstrasse 7, bevor er seine Dossiers entweder ins Stadtarchiv oder Stadtpräsidentin Stefanie Ingold übergeben wird. Einiges kommt in sein neues Büro.

Wie kommt es Ihnen vor, nach 28 Jahren Ihr Büro zu räumen?

Es kommt mir im Nachhhinein weniger lang als 28 Jahre vor. Der aktive Teil des Lebens ist durch. Ich weiss auch, dass ich bei den Kindern viel verpasst habe.

Bereuen Sie das?

Wäre ich Anwalt gewesen, dann hätte das eher funktioniert. Aber es ist schon so: Die Kinder sind dank meiner Frau und trotz mir so gut herausgekommen. Wie so mancher Vater dürfte ich mich dann eher mit den Enkelkindern beschäftigen.

Man kann sentimental auf die vergangene Zeit zurückschauen oder den Abschluss als Befreiung betrachten.

Indirekt ist man für fast alles in der Stadt verantwortlich. Wenn zum Beispiel Dreck herumliegt, stört mich das, erinnert mich aber auch daran, dass der Werkhof nicht überall sein kann. Dass ich bei solchen Details nun nicht mehr immer an meine Funktion erinnert werde, wird sicher angenehm sein.

28 Jahre war Kurt Fluri Stadtpräsident von Solothurn.

28 Jahre war Kurt Fluri Stadtpräsident von Solothurn.

José R. Martinez

Wie haben Sie die letzte Zeit erlebt, mit den verschiedenen Abschiedsanlässen?

Ich bin eigentlich nicht einer, der zurückschaut und Bilanz zieht.

Schauen wir dennoch zurück: Was waren Ihre grössten Erfolge?

Sicherlich hat der Entscheid des Stimmvolks 2001, die Westumfahrung zu realisieren, am meisten bewirkt. Das wichtige Ziel, die Entlastung der Vorstadt und deren Attraktivierung, ist erreicht. Uns ist es gelungen, den Verkehr regional an der Stadt vorbeizuführen. Die Erschliessung Weitblick ist juristisch erfüllt, aber noch nicht umgesetzt. Sehr erfreulich waren für mich die positiven Entscheidungen für das Stadttheater. Und auch der kürzlich beschlossene Kulturgüterschutzraum. Gleichzeitig konnten wir den Steuersatz unter den kantonalen Durchschnitt senken.

«Damals war meine Neigung zu ‹Biegeli› schon offensichtlich», meint Fluri zu diesem Bild.

«Damals war meine Neigung zu ‹Biegeli› schon offensichtlich», meint Fluri zu diesem Bild.

Robert Grogg (Januar 1996)

Und die Tiefpunkte?

Das Einzige, das an der Urne nicht durchgekommen ist: die Fusion mit Zuchwil. Als Trost kann man sagen, dass es nicht abgeschmettert wurde. Es waren Nein-Mehrheiten von lediglich 51,6 Prozent in Zuchwil beziehungsweise 53,4 Prozent in Solothurn. Daher ist das Thema nicht vom Tisch.

Das kommt also wieder?

Ganz sicher. Die funktionellen Lebensräume sind offensichtlich, da muss man die politischen Grenzen überwinden. Aber ich würde jetzt Patrick Marti, Gemeindepräsident von Zuchwil, und Stefanie Ingold raten: Wartet noch mindestens fünf Jahre.

Letzte Woche leitete Fluri seine letzte Gemeinderatssitzung.

Letzte Woche leitete Fluri seine letzte Gemeinderatssitzung.

Hanspeter Bärtschi

Gibt es ein Projekt, welches Sie gerne zu Ende bringen wollten, aber es nicht geschafft haben?

Nein, da ist alles aufgegleist.

Und die Ortsplanungsrevision?

Ich wusste, dass ich die nicht fertigbringe. Übrigens: Es erschüttert mich gar nicht, wie lange diese Revision dauert. Letztes Mal war sie viel einfacher. Da hat man unter anderem kein Räumliches Leitbild gebraucht und man konnte an der Gemeindeversammlung alle potenziellen Einsprachen vorwegnehmen. Dafür war die Gemeindeversammlung nicht einfach.

Das kann ich mir vorstellen.

Es wäre heute undenkbar, die Ortsplanungsrevision von einer Stadt bei einer Gemeindeversammlung zu besprechen. Früher war aber der Egoismus kleiner und man den Behörden eher vertraut. Es wurden mehr die Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen betont, heute kommen zuerst die Rechte.

Diese Reaktionen lassen sich auch im Zusammenhang mit der Diskussion um die Coronamassnahmen beobachten.

Ja, das stimmt. Es sind kleine Einschränkungen, die jetzt gemacht werden. Das ist schon der Ausdruck der Mentalität: Man hat Ansprüche gegenüber dem Staat. Jede leichte Einschränkung der Freiheit wird sofort skandalös. Ich bin 1955 geboren und bis zu den 68er-Jahren war das Volk autoritäts- und behördengläubig. Dann gab es eine Gegenbewegung. Platon hat schon gesagt, dass sich die Staatsformen zwischen zwei Extremen bewegen: Anarchie und Diktatur. Jetzt haben wir nicht anarchistische Tendenzen, aber die eigenen Interessen stehen im Mittelpunkt und nicht die allgemeinen.

Die Dossiers stapeln sich im Stadtpräsidium.

Die Dossiers stapeln sich im Stadtpräsidium.

José R. Martinez

Sind wir eine egozentrische Gesellschaft?

Ja. Das geht so lange gut, bis es der Mehrheit schadet. Davon sind wir aber noch weit weg. Aber: Wenn man nichts mehr gemeinsam durchbringt und nichts mehr zusammen machen kann, dann schadet das der Mehrheit.

Im Gemeinderat hört man immer wieder, dass eine Mehrheit nicht hinter der Ortsplanungsrevision steht. Stimmen Sie dem zu?

Nein, gar nicht. 92 Einsprachen von potenziell Tausenden Betroffenen und aus den 92 Einsprachen gehen noch 26 Beschwerden hervor, das ist gar nicht dramatisch. Das ist Dramaturgie vom Gemeinderat. Bei der zweiten Auflage sind 17 Einsprachen eingegangen.

Machen Sie sich noch immer sorgen über die finanzielle Zukunft der Stadt?

Langfristig schon. Aber ich möchte keine Panik verbreiten. Wir haben immer gewusst: Nach den Kulturinvestitionen kommen die Bildungsinvestitionen. Investition, die nicht neuen Unterhalt oder Personalaufwand mit sich bringen, muss man jetzt umsetzen. Den Finanzplan kommt man nicht in den Griff über das Verschieben nötiger Investition. Wenn die Stadt vorübergehend verschuldet ist, dann ist das kein Drama. Dann muss man auch nicht sofort mit den Steuern reagieren.

Übergibt sein Amt an Stefanie Ingold: Kurt Fluri.

Übergibt sein Amt an Stefanie Ingold: Kurt Fluri.

José R. Martinez

Haben Sie gedacht, dass sie Ihr Büro einer SP-Frau übergeben werden?

Man musste damit rechnen. Ich habe auch von vielen bürgerlichen Frauen gehört, dass der Faktor Frau wichtig war.

Erstaunt Sie das?

Für mich ist es das Geschlecht völlig irrelevant. Auf Stadtebene gibt es kaum geschlechtsspezifische Fragen. Wenn ich auf die Entscheide zurückschaue, die ich getroffen habe, dann hätte eine Frau die nicht anders getroffen. Es ist eher eine Symbolkraft dahinter.

Symbolik ist aber auch wichtig.

In der Politik immer mehr. Für mich aber weniger. Ich mache keine Zeichensetzungsübungen. Das ist vor allem auf Bundesebene Mode geworden.

Fluri an seiner letzten Gemeinderatssitzung.

Fluri an seiner letzten Gemeinderatssitzung.

Hanspeter Bärtschi

Ist die Niederlage von Markus Schüpbach ein Zeichen, dass jetzt auch der Freisinn in Solothurn schwächer wird?

Der Wähleranteil ist in den letzten Jahren geschrumpft – auch bei der SP – weil die Grünliberalen und die Grünen im Trend sind. Die stärksten, traditionellen Parteien verlieren bei neuen Parteien zwangsläufig. Siehe auch die CVP. Für mich ist es eher ein Wunder, dass die FDP in der Stadt nach wie vor die stärkste Partei ist. Wir leben einen offenen Freisinn.

Was meinen Sie damit?

Hier werden gesellschaftspolitische Themen gepflegt und man ist kulturaffin. In anderen Kantonen sind das nicht die Themen der FDP. Dort fokussiert man sich auf Finanzen, Verkehr und Parkplätze.

Werden Sie sich langsam zur Ruhe setzen?

Ich suche keine Ruhe, aber ich werde auch keine Memoiren schreiben. 2023 werde ich mich aus dem Nationalrat zurückziehen, dann bin ich auch schon 20 Jahre dabei. In Zukunft werden meine Frau und ich vermehrt auf Reisen gehen.

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