Bei der Stadtpräsidentenwahl wackelte man an Ihrem Stuhl. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass Jeffrey Murphy einen Fünftel der Stimmen einheimst?

Kurt Fluri: 1997 gab es bereits 15 Prozent Leerstimmen, 2005 17 Prozent, 2009 16 Prozent. Alle, die das lustig finden oder der Meinung sind, dass ich meine Sache nicht recht mache, wählten mangels Alternativen den Gegenkandidaten. Zusätzlich legten diesmal noch zehn Prozent leer ein.

Ein ernst gemeinter Schuss vor den Bug durch junge Wähler oder eben bloss solche, die es lustig finden?

Wahrscheinlich waren es junge Wähler, die sonst nicht an die Urne gegangen wären, aber das Thema «Drei Uhr» im Hinterkopf hatten, für das ich immer als Urheber dargestellt worden bin. Ich nehme das gelassen, aber ernst. Ich bin nicht der Typ, der die Augen verschliesst und sich nur an jenen orientiert, die ihm auf die Schultern klopfen. Ich beschäftige mich auch mit jenen Leuten, die mit meiner Einstellung nicht einverstanden sind. Aber auf der anderen Seite sehe ich mich nicht veranlasst, etwas an meiner Politik zu ändern, wenn nicht neue Argumente auftauchen.

Auch nicht für die jungen Solothurner? Gerade bei ihnen könnten Sie punkten – zum Beispiel in Sachen Jugendfreiräume.

Ich habe es immer gesagt: Ich will keinen rechtsfreien Raum. Aus meiner Sicht hat die Jugend in unserer Stadt und Region genügend Freiräume. Wenn man meint, es müsse ein Ort geschaffen werden, wo man weder etwas zahlen noch Regeln befolgen muss, sondern einfach gratis konsumiert, dann ist das im öffentlichen Raum nicht möglich. Ich wüsste nicht wo, und es ist auch nicht Sache der öffentlichen Hand. Jeder kann bei sich zu Hause ein Fest veranstalten. In den nächsten Wochen wird sich im Zusammenhang mit der Ortsplanungsrevision die Frage stellen, ob es eine Altstadtzone braucht – zur Einschränkung der Freinächte. Kürzlich sagte jemand: Wer in der Innenstadt wohne, solle sich über nächtliche Aktivitäten nicht beklagen, sondern wegziehen, wenn ihm der Lärm nicht passt. Wir sind dezidiert nicht dieser Meinung – auch im Gemeinderat nicht. Es muss Platz haben für jene, die in der Altstadt Ruhe haben wollen – und die anderen.

Der FC Solothurn und andere Sportclubs melden Millionen-Begehren fürs Mittlere Brühl und fürs Stadion an. Nicht selten hört man, dem Stadtpräsidenten sei die Kultur eh wichtiger als der Sport.

Bis jetzt wurde die Prioritätensetzung im Finanzplan durch den Gemeinderat und den Souverän genehmigt. Erst kürzlich kamen die Begehren aus dem Mittleren Brühl hinzu. Auch wenn die Garderoben und Toiletten im Stadion in schlechtem Zustand sind: Wir haben keine so maroden Sportstrukturen, wie es das alte Stadttheater und der bisherige Kulturgüterschutzraum sind. Die Prioritätensetzung ist erfolgt aufgrund des Zustandes der Anlagen und nicht, weil ich das eine dem anderen vorziehen würde. Nun können die Vereine darüber debattieren, was wichtiger ist. Zwei Kunstrasen – beim Stadion und beim Mittleren Brühl – können wir sicherlich nicht realisieren. Und noch was zum Ausspielen von Kultur gegen Sport und zum blöden Ausdruck der «Elitekultur»: Wie wenig dieser zutrifft, sieht man ja am hohen Ja-Anteil an der Urne bei der Stadttheater-Sanierung und dem Kulturgüterschutzraum – und an den Frequenzen in beiden Häusern. Dort verkehren nicht Elitekreise, sondern Meier und Müller von der Strasse.

Ein 3,8-Mio.-Minus mussten Sie der Gemeindeversammlung vorlegen. Der Finanzplan bis 2017 sieht alles andere als rosig aus. Warum schwenken Sie als Freisinniger nicht auf den Sparkurs ein?

Wenn man permanent auf die Bremse steht, ist das nicht so spektakulär, wie wenn man wie der Kanton Massnahmenpläne erstellt. Das Geheimnis liegt in der Umsetzung eines permanenten Sparauftrags. Wir gehen so weit, Stellen nicht neu zu besetzen, obwohl sie bewilligt sind. Dabei könnten wir uns das Leben einfacher machen. Jetzt warten wir die Rechnung 2013 ab. Und da sehe ich gar nicht rot für die Stadt. Auch den Ausfall der steuerkräftigsten juristischen Person haben wir überstanden. Das Problem beim Kanton und den einzelnen Städten ist, dass man in guten Zeiten die Ausgaben den Einnahmen angepasst hat. Und wenn die Einnahmen zurückgehen, muss man den Aufwand mühsam redimensionieren, was bei der öffentlichen Hand nicht einfach in kurzer Zeit möglich ist. Neu geschaffene Stellen kann man ja auch nicht einfach wieder streichen. Bei Sparrunden und Verzichtsplanungen hat noch nie viel rausgeschaut – ausser Papier. Abschliessend wird man sagen, dass man die Einsparungen auf Widerstand von Verbänden, Interessen, Parteien wieder hat rausnehmen müssen, obwohl deren Scheitern von Anfang an klar war.

Und wie hart wird der kantonale Massnahmenplan die Stadt treffen?

Wenn man sieht, was übrig bleibt: nicht existenziell. Die Stadtpolizei-Entschädigung bleibt und das Steuerinkasso, das den Gemeinden auferlegt worden wäre, ist weggefallen. Schwerer wiegen Pensionskassenfragen oder der Finanzausgleich.

Mit dem Masterplan Energie kommt im Fernwärme-Perimeter für einige Grundeigentümer nur noch Fernwärme infrage. Nicht sonderlich liberal.

Der Grundsatzentscheid fiel 2010, als man der Regio Energie die Konzession erteilte, die Fernwärme in der Stadt zu verteilen – im Wissen, damit enorme, noch nicht amortisierte Investitionen ins Gasnetz zu entwerten. Trotzdem ersetzt man Gas durch Fernwärme. Das kann nur ein öffentliches Unternehmen – bei jedem Privatunternehmen wäre es der Anfang eines fahrlässigen Konkurses. Und wenn man die Konzession schon erteilt und die Stadt auf einen Teil seines Vermögens verzichtet, muss man der gleichen Institution auch die Gelegenheit geben, die Fernwärme optimal abzusetzen. Und daraus erwuchs die Idee der Grundeigentümerverpflichtung. Liberal oder nicht liberal: Der Kanton sieht die Energieversorgung als Thema der Raumplanung, ebenso wie Nutzungsbeschränkungen. Alle Einschränkungen für den Grundeigentümer sind als solche eigentlich nicht liberal. Aber die Raumplanung ist nun mal eine Eingrenzung der Freiheit. Hingegen könnte man es als liberal auslegen, nachhaltige Energie zu verteilen – denn liberal heisst auch nachhaltig.

Zur politischen Gesinnung: Sie müssen sich im Gemeinderat mehr als nur vereinzelt auch gegen die Parteikollegen stellen. Wie steht es um Ihren Freisinn?

Mir sind aus den letzten Jahren nur drei Sachen in den Sinn gekommen: Die beiden Steuersenkungsrunden aufgrund ihrer zeitlichen Festlegung, die Öffnungszeit 3 Uhr im Kofmehl und das Thema Fernwärme.

Auch gegen die Ausdehnung der Altstadtsperre haben Sie gewichtige Vorbehalte eingebracht: Dass mit der Wertsteigerung der Altstadt auch die Immobilienpreise steigen und so den Einzelgeschäften das Leben schwer machen.

Da kann man aber auch sagen, dass die Ausdehnung der Sperre kein liberaler Entscheid war. Tatsache ist, dass in Fussgängerzonen langfristig die Mietzinse steigen. Das richtet sich tendenziell gegen Gewerbebetriebe mit geringer Marge. Aber noch zur Gesinnung: Es ist naheliegend, dass diese drei, vier Einzelfälle unter Dutzenden von Geschäften auffallen. Doch wir haben keinen Fraktionszwang, zumal die FDP-Fraktion im Vergleich zu mir als Stadtpräsidenten wesentlich freier ist. Und ich ändere zwischen Gemeinderatskommission und Gemeinderat meine Meinung nie, weil ich sie mir schon für die GRK bilde.

Sie machen aus Ihrer Begeisterung für die Fusion keinen Hehl. Würden Sie – was ja als denkbare Option gehandelt wird – dafür auch die Stadtpolizei opfern?

Das kann man heute noch nicht sagen. Jede der fünf Gemeinden kann weiterleben ohne Fusion, vielleicht mit mehr Nachteilen. Die Gemeinden können ihre Bedingungen in den Fusionsvertrag einbringen. Dann müssen wir entscheiden, ob wir die Fusion unter diesen Bedingungen annehmen. Den Landgemeinden, die mit der Kantonspolizei zufrieden sind, muss man klar machen, dass die städtischen Verhältnisse schon ein wenig anders sind. Es gab auch Zeiten, in denen wir von Nachbargemeinden angefragt wurden, ob die Stadtpolizei bei ihnen vorbeischauen könne, weil sie mit der Kapo nicht zufrieden waren. Überall, wo man die Einheitspolizei eingeführt hat, gerade in Berner Städten, ist man nicht zufrieden und greift zusätzlich auf private Sicherheitsfirmen zurück, weil die Stadtpolizei fehlt.

Ob Sie für eine weitere Legislatur nach 2015 nach Bern gehen, lassen Sie offen. 2017 wären die nächsten Stadtpräsidentenwahlen – und Sie sind dann 62 …

Und vier Jahre später bin ich 66, was auch noch kein biblisches Alter ist. Aber zu diesem Thema würde ich auch nichts sagen, wenn ich es wüsste.

Haben Sie einen «Zögling» als Nachfolger? Yves Derendinger vielleicht?

Sie erwarten ja kaum eine klare Antwort auf diese Frage.

Höchstens eine, die alles offenlässt.

Hilarius Immergrün wäre eine Option, da die Fasnacht näherkommt. Spass beiseite: Natürlich habe ich keinen Zögling, überhaupt nicht.