Solothurn
Stadtpflaster: Eine Würdigung der Solothurner «Pflästerlipolitik»

«Über das Pflästern ist gut lästern.» Zumindest in Solothurn. Denn irgendwie trieb es diese Stadt mit ihren Bodenbelägen schon immer etwas «pflasterhaft»: Einmal passten die verlegten «Bsetzi», ein andermal wieder nicht mehr.

Wolfgang Wagmann
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Stadtpflaster Solothurn: So unterschiedlich zeigt sich die Stadt
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Pflaster Nummer zwei stellte auch wegen der Topografie die Pflästerer vor enorme Herausforderungen, die aber elegant gelöst wurden
Pflaster Nummer drei besticht durch unterschiedliche Formate und eine Inschrift, die auf den Namen der Gasse hinweist.
Pflaster Nummer vier könnte aufgrund des Gassennamens besonders barfussfreundlich sein – behindertengerecht ist die Gasse jedenfalls.
Pflaster Nummer fünf erscheint eher goldig.
Pflaster Nummer sechs ist ein eher holpriges – trotzdem machte es als Bühne schon drei Sommer lang einen guten Job.

Stadtpflaster Solothurn: So unterschiedlich zeigt sich die Stadt

Wolfgang Wagmann

Man tauschte die Auserwählte – die Pflästerung – nach Belieben aus, oder misshandelte sie und goss heissen Teer über sie aus. Doch davon später. Ein heisses Pflaster jedenfalls ist Solothurn mehr denn je. Wer seine Stilettos oder Highheels loswerden will, dem sei ein «Stadt-Waggu» wärmstens empfohlen. Eine Garantie für das Funktionieren der Bruchsollstelle über der Ferse gibts fast überall – zu den favorisierten Killerzonen kommen wir noch.

Pflaster auf der Via Caput

Zu Römerzeiten waren wir den späteren Barbaren in Salodurum um Lichtjahre voraus. Pflaster auf der Via Caput (Hauptgasse) war selbstverständlich. Dann kam das finstere Mittelalter und mit ihm das Littering. Hunde- und Menschenkot, Rüstabfälle und Pisse, abgelaufene Lebensmittel vom stinkenden Fisch bis zum verrotteten Rüebli – alles flog unbesehen auf die Gasse.

Irgendwann griffen die ersten Anti-Littering-Massnahmen: Man pflästerte. Damit all die User der Fussgänger-, Reit- und Zugpferdzone wenigstens nur noch knöcheltief im matschigen Unrat versanken und irgendwo festen Grund unter den Füssen fanden. Solothurn war zum harten Pflaster geworden.

Gurzelngasse wurde «entpflastert»

Plötzlich war Pflaster out. Ob die Strassenbarrikaden des 19. Jahrhunderts mit ihren «Bsetzi»-Schlachten schuld waren oder das aufkommende Auto das Pflaster verdrängte? Vielleicht beides. Jedenfalls wurde um 1905 vom Baseltor weg Richtung Altstadt geteert.

Die Gurzelngasse, 1900 noch voll gepflästert, erhielt ebenfalls Asphaltbelag plus Trottoirs. Märetplatz und Hauptgasse zusätzlich Parkplätze. Die rötlichen Bollensteine oder Katzenköpfe blieben nur noch in Randzonen erhalten: auf dem Zeughaus- und Riedholzplatz, in der Rathaus- und Adlergasse, am Patriotenweg. Vom Baseltor an wurde später wieder gepflästert, elegant, kleinformatig rötlich, eine sogenannte Bogenpflasterung über den Kronenplatz und -stutz hinab bis zum Klosterplatz.

Darum hat Solothurn so viele Schuhläden

Die Pflasterwelle rollte jedoch 1977 wieder richtig an. Die Fussgängerzone im «Ypsilon» brachte das rote Porphyrpflaster hervor – am Märetplatz mit Mörtel in den Fugen, gegen St. Ursen mit längst verschwundenem Sand und Ritzen, die jeden Absatz killen.

Darum hat Solothurn so viele Schuhläden. Der Gestaltungswille erlahmte aber mit den Kosten – die westliche Hauptgasse und Gurzelngasse erhielten noch Porphyr-Pflasterrillen als Wasserablauf, damit sie bereit wären für die finale Pflästerung. Sie kam nie.

Der Dichter Carl Spitteler dichtete einst Solothurn goldene Dächer an, in der Schmiedengasse – auch eine berüchtigte, aber in Grau gestaltete Stolperfalle – brachte es das Künstlerhaus gar auf goldene Pflastersteine. Darauf verewigt Künstler, anderswo hinterliessen Fasnachtszünfte wie der Hauptgassleist ihren Namen.

Pflaster: Ruhe in Frieden

Vielleicht erlahmte die Kreativität auch mit der «Schlacht um den Friedhofplatz» in den achtziger Jahren. Nach x Leserbriefen und Abwägungen zu Bäumen, Belag und Bänkli entschied man, nur die Randzonen in rotem Porphyr auszuführen, in der Mitte blieb alles grau. «Pflaster-Patchwork» vom feinsten. Dann vor kurzem der letzte Kraftakt: Ein Lastwagen «verlor» vor dem Stadttheater eine Ladung Teer. Das Pflaster darunter ruhe in Frieden!