Solothurn

Stadtpfarrer-Abgang: Hoffnungsträger tragen schwer

Niklas Raggenbass (Archivbild)

Niklas Raggenbass (Archivbild)

Soll jemand sagen, dass die Kirche die Menschen kaltlässt. Der überraschende Abgang von Niklas Raggenbass als Pfarrer der St.-Ursen-Kathedrale beweist das Gegenteil: Von Verwunderung bis hin zu Wut auf die Institution reichen die Reaktionen.

Das plötzliche Abtauchen des beliebten Geistlichen Niklas Raggenbass beschäftigt weit über die Römisch-katholische Kirchgemeinde Solothurn und die Konfessionsgrenzen hinaus. Niklas Raggenbass war Seelsorger beim Volk – egal welchen gesellschaftlichen Standes oder welcher Konfession; er war ein Priester zum Anfassen, der nicht auf Prunk und goldene Ikonen setzte; einer, der nicht nur an der Fasnacht mitfeierte – gemeinsam mit «seinen» Solothurnern, die ihm in nicht einmal zwei Jahren ans Herz gewachsen sind.

Er hat alles andere als nur den Clown gemacht

Apropos Fasnacht: Niklas Raggenbass bewegte sich oft und gerne als fröhlicher Mensch in lustiger Runde und für ein Interview mit dieser Zeitung liess er sich gar als Clown mit aufgesetzter roter Nase fotografieren. Dass er aber immer den Clown gemacht hätte, kann niemand behaupten, der mit ihm auch tiefgründige Gespräche über Gott und die Welt geführt oder ihn als begnadeten Prediger erlebt hat. Aber, wie so viele «Clowns», hat möglicherweise auch er mit der aufgesetzten Clown-Nase davon abgelenkt, dass tief drin in ihm ganz andere Gefühle schlummern. Ängste, Befindlichkeiten, Sorgen, die er möglicherweise mit niemandem teilen konnte – oder wollte. Es sei denn vielleicht in einer Art, die jetzt zum brüsken Ende seines Wirkens in Solothurn geführt hat.

Als Felix Gmür sein Amt als Bischof von Basel antrat, wehrte er sich dagegen, als «Hoffnungsträger» der katholischen Kirche bezeichnet zu werden. Kein Wunder: Hoffnungsträger tragen schwer an ihrer Bürde. Davon zeugen bei uns gleich mehrere Beispiele: Bischof Hansjörg Vogel (1994–95), der im Amt einsam und dann Vater wurde und zurücktreten musste. Sein Nachfolger Kurt Koch (1995–2010), der – vom Amt sichtlich gebeugt – schliesslich als Kardinal in den Vatikan befördert wurde. Und nun also Niklas Raggenbass. Ein Hoffnungsträger, der vielen (katholischen) Solothurnern bewies, dass es sich nicht nur zu Weihnachten lohnen kann, die Kirche zu besuchen. Ein Mensch offenbar auch, der unter lauter Menschen alleine war. Bleibt die Hoffnung, dass Papst Franziskus – der oberste Chef der römisch-katholischen Kirche und seit seiner Wahl auch deren grösster Hoffnungsträger – seine Last noch möglichst lange und erfolgreich weiter zu tragen vermag.

Niklas Raggenbass: Ein Seelsorger, für den niemand sorgen konnte – oder wollte? Wer sorgt sich schon um die Seelen der Seelsorger? Ihre Vorgesetzten? Fragen, die man nach diesem brutalen Aus durchaus stellen darf. «Was war da los?», «was steckt dahinter?», «warum ein Abgang auf diese Weise?»: Dies alles möchten in Stadt und Region Solothurn viele wissen – und werden wohl ohne Antworten bleiben.

Verwirrung statt Klarheit – und kein Wort des Dankes

Die schwammigen Formulierungen in den Verlautbarungen der Kirchgemeinde, die mehr Verwirrung als Klarheit stiftenden Erklärungsversuche auf Nachfragen – all dies öffnet die Schleusen für Gerüchte und Mutmassungen. Raggenbass’ bisherige Vorgesetzte schüren damit erst recht das, was sie vorgeblich zu vermeiden suchten: tiefes, gefährliches Misstrauen. Und sie riskieren eine Image- und Rufschädigung – sowohl bezüglich Niklas Raggenbass als auch der Kirchgemeinde selber.

Apropos: Welche Zacke wäre den Oberen von Kirchgemeinde und Bistum aus ihrer Krone gefallen, wenn sie öffentlich ein paar Worte des Bedauerns und des Dankes für den unermüdlichen Niklas Raggenbass verloren hätten? Zumindest ein anerkennendes Merci hätte er mehr als nur verdient – allein schon für die Hoffnungen, die er zu wecken vermochte.

Meistgesehen

Artboard 1