Stadtbummel
Zimmerpflanze mit feinstofflichen Problemen

Judith Frei
Judith Frei
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So sieht die Kroatin aus. Das sie schon über zehn Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an.

So sieht die Kroatin aus. Das sie schon über zehn Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an.

Judith Frei

Die älteste Zimmerpflanze, die ich besitze, habe ich vor vielen Jahren während eines Roadtrips durch den Balkan in Kroatien «gepflückt». Damals war sie nur wenige Zentimeter gross, daran hat sich während der letzten zehn Jahre nicht viel geändert.

Um welche Pflanze es sich genau handelt, habe ich bis jetzt nicht herausgefunden. Sie sieht aus wie eine Aloe Vera, von mir wird sie die «Kroatin» genannt.

Ich glaube, sie mag einen sonnigen Standort, aber nicht allzu sonnig, Wasser ist nicht so ihr Ding und all paar Monate macht sie Anstalten zu sterben. Dann rede ich ihr gut zu, ändere wieder ihren Standort und frage mich, was ihr fehlt.

Ihr Bedürfnisse kenne ich auch nach unserer über zehnjährigen Beziehung noch nicht. Sobald ich meine, sie zu kennen, macht sie auch schon bald wieder einen traurigen Eindruck und ihre fleischigen, spitzen Blätter werden braun und vertrocknen. Während des letzten Jahrzehnts ist es auch schon vorgekommen, dass ich sie über Monate vergessen habe. An ihrem Zustand hat sich dann meistens nichts verändert. Stoisch und kläglich verharrt sie in ihrem Topf.

Seit einiger Zeit frage ich mich, ob es ihr an etwas feinstofflichen mangelt. Denn an etwas physikalischem kann es ihr kaum fehlen. Mag es sein, dass sie Heimweh nach der Adriaküste, nach kreischenden Möwen, nach dem heissen und salzigen Wind hat?

Sie ist für mich nicht nur ein Erinnerungsstück an die Ferienzeit, sie ist über die Jahre auch zur stetigen Lebensbegleiterin geworden. Doch ich bin für sie die Person, die sie aus ihrer Aloe-Familie an ihrem malerischen Strand gerissen und in eine Serviette gewickelt in die Schweiz gekarrt hat.

Seit einiger Zeit habe ich mehr Pflanzen in meiner Wohnung. Seit ein anderer grüne Kumpel neben ihr steht, geht es ihr besser, sie scheint auch schneller neue Blätter zu entwickeln. Ob dies nun der Wendepunkt für sie ist? Ich mag es nicht beschreien, denn oft nach den guten Phasen folgte eine schlechte. Ich hoffe aber, dass sie irgendwann wieder neuen Lebensmut findet.