Stadtbummel
Wem das Wasser bis zum Haus steht

Wolfgang Wagmann
Wolfgang Wagmann
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Die Aare in Solothurn führt viel Wasser in diesem Sommer.

Die Aare in Solothurn führt viel Wasser in diesem Sommer.

Judith Frei

Krass! Die Aare eilt Richtung Rhein. Schmatzend, spritzend, wirbelnd. Als leere Wasserwüste. Die «Siesta» macht Siesta statt Maskenball; bei den Gummi-Flamingos ist die Luft draussen. Nur ein pralles, verlassenes Schlauchboot hängt in der Nische eines Landhausfensters und wartet auf bessere Zeiten. Die wohl kaum bis zum Aareschwimmen am 13. August kommen. Der einzige «Teilnehmer» derzeit ist ein einsamer Gänsesäger. Vorne am Landhausquai treibt er an Ort mitten in der gurgelnden Flut. An Ort? Der Vogel mit seinem Irokesenkamm ist ein cleveres Kerlchen. Er verharrt genau an dem Punkt, wo das Widerwasser entlang des Quais endet. Als Erstgymeler im Schulhaus am Land nutzten wir es 1967 als Pausenfüller. Welches Papierschiffchen gondelt ab der Treppe am weitesten hinauf, ehe es die Hauptströmung hinabreisst? Dorthin, wo die Staustufe Flumenthal damals erst im Bau ist. Und die ab 1968 verhindert, dass es jemals wieder Hoch- oder Niedrigwasser geben kann in Solothurn. Niedrig war auch spannend: Wir Jungs erkletterten in der Landhausecke über ein Sandbödeli eine Kanalisationsröhre, die bis weit in die Aare hinausragte. Wer balanciert am weitesten raus? Heute wäre wohl im Nu die Kriegsmarine der Ka- oder Stapo da. Nun, wir konnten schwimmen…

«Krass!» Der Tourist deutet mit dem Finger auf die Hochwassermarken an der Landhausecke. «War das Wasser damals wirklich so hoch?» Sein Pech – er hat den Richtigen gefragt. «Dort drüben gibt's noch viel höhere Marken.» Die drei an der Fassade des «Kreuz». Die vom 1. Dezember 1651 ist die beeindruckendste: 2,5 Meter hoch stand damals das Wasser über der Schaalgasse – es hätte oben noch den «Türk» geflutet. Der Tourist ist fasziniert. Erste Juragewässer-Korrektion nach den Hochwassern der 1850er-Jahre, die zweite dann vor 50 Jahren. «Sehr spannend alles, aber es tut mir leid. Meine Familie wartet», deutet er Quai-aufwärts.

Schade. Es hätte noch viel zu erzählen gegeben. Vom Hochwasser 1574, als in den Vorstadtgassen reger Bootsverkehr herrschte – im «Minderen Venedig» sozusagen. Noch gewaltiger muss die Rekordflut von 1480 gewesen sein. In Olten, Aarau und Aarwangen riss sie die Brücken fort. Nicht aber in Solothurn. Die Brücken-Joche wurden von den Männern der Stadt mit langen, hakenbesetzten Stangen gegen heranschiessendes Treibholz verteidigt. Ein Himmelfahrtskommando – ohne Schwimmwesten, Apps und Helikopter. Barst die Brücke, war man(n) so gut wie tot. Ja, das waren noch Kerle! Heute tanzen ihre Nachfahren im Juli bis zur Mitte der Wengibrücke. Oder auch nicht. Weil irgendwo grosse Gefahr lauert. Nicht unten im Wasser. Sondern oben auf der Brücke – in jeder und jedem von uns.

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