Stadtbummel
Und plötzlich steigt ein Mann aus dem Gebüsch

Die Stadtbummlerin ist in der Vorstand einem Mann begegnet, der aus dem Gebüsch kam und fragte nach.

Christina Varveris
Christina Varveris
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Aussteiger in Solothurn.

Aussteiger in Solothurn.

Christina Varveris

Wenn man zu Fuss unterwegs ist, erlebt man die schönsten Sachen. Diesmal in der Vorstadt. Plötzlich steigt da ein Mann aus dem Gebüsch. In der Hand hält er – eine Zahnbürste. Der erste Schreck fällt von mir ab, auch weil er selbst etwas erschrocken dreinblickt. Gross ist er, helles, kinnlanges Haar, graue Trainerhose und Kapuzenpulli. Jetzt steigt er auf sein Velo. Jahrgang 1960 schätze ich, also das Velo. Uralt, ein paar wenige Gänge, schwer sieht es aus. Und vorne hat er nicht etwa ein leichtes Drahtgestell installiert, sondern eine Holzkiste draufgepackt. Ich sehe einen Kaffeekocher – das muss die Küche sein. Vorne wie hinten hängen Taschen. Ich kann nicht anders als zu fragen: «Sind sie am Reisen?» Doof, ja natürlich ist er das. Christoph Höldgemeier heisst er, 41 Jahre, aus Thüringen, Deutschland.

Aber wieso so umständlich? «Ich mag das Reduzierte», sagt er. «So kann ich alles reparieren und dieses Rad geht kaum mal kaputt.» Seit drei Wochen ist Christoph unterwegs, von Weimar runter bis nach Solothurn, das sind knapp 700 Kilometer. Bei 70 Kilometer am Stück, beginne der Hintern zu schmerzen, sagt er. Sein nächstes Ziel ist Basel und wenns dann kalt wird, will er im Süden sein. Er lasse sich treiben, «jeder Tag ist anders, ich schaue was passiert und lasse mich darauf ein».

Heute lässt er sich auf die neugierige Journalistin ein und die will auch noch wissen, was er denn sonst so arbeitet. «Ich bin Hausarzt», sagt er. Oh. Ein Aussteiger-Hausarzt. Praktisch, er kann sich selber verarzten und: «Ich kann überall arbeiten.» Ein Jahr will er unterwegs sein, oder so lange das Geld reicht. Und das sollte eine Weile reichen, denn schlafen tut er in der Hängematte oder im Zelt und immer nahe an einem Fluss, den er braucht, um sich zu waschen. Und die Zähne zu putzen. 500 Euro brauche er pro Monat, vor allem zum Essen, denn ohne Essen fahre das Rad nicht.

Die Aare findet er toll und Solothurn auch mit der schönen Altstadt und den «netten Leuten» wie er sagt. Nur regne es gerade etwas viel. Es zieht weiter an diesem Tag zuerst nach Lüsslingen, wo er ein paar Leute kennt und dann eben nach Basel. Das wären genau die 70 Kilometer, bevor der Hintern weht tut. Schön das Aussteigerleben, denke ich. Aber im Moment reduziere ich lieber auf meine beiden Beine, spanne den Regenschirm auf und hoffe auf weiter spannende Begegnungen.