Stadtbummel Solothurn
Über Chabis in der Jesuitenkirche

Judith Frei
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Wie die Handwerker darauf gekommen sind, Kohl in der Kirche zu verewigen, wird man nie erfahren.

Wie die Handwerker darauf gekommen sind, Kohl in der Kirche zu verewigen, wird man nie erfahren.

Tina Dauwalder

Haben Sie schon einmal die Blätter eines Kohls genauer angeschaut? Die filigranen und trotzdem starken Adern, die wie menschliche Blutgefässe durch die Blätter laufen? Diese Blätter öffnen sich um den Kopf des Gemüses, wie eine verwelkende Rose. Doch im Vergleich zu der eleganten Blume, die ihre besten Tage hinter sich hat, wirkt der Kohl vital und robust. Als ob er für die Ewigkeit gemacht ist. Aber: Kann man überhaupt dieses übelriechende Gemüse mit einer noblen Rose vergleichen?

Ja, das kann man. Das haben sich die Männer gedacht, die für die üppige Ausgestaltung der Jesuitenkirche zuständig waren. Diese Männer waren die besten Handwerker ihrer Zeit und kamen aus dem Tessin – oder war es Italien? Diese Männer aus dem Süden haben die Schönheit des bodenständigen Gemüses als gross genug eingeschätzt, dass sie ihr einen Platz im Gotteshaus eingeräumt haben.

Wenn man sich in der Kirche achtet, dann sieht man an mehreren Stellen eine Blume, die stark an das Gemüse erinnert. Aus der Mitte des Kohls wachsen verspielt weitere kleine Kohle. Es könnte sich eigentlich bei dieser Stuckatur auch um eine Blume mit grossen Blättern handeln. Doch in meinen Augen sind diese Blätter unverkennbar Kohlblätter. Mit ihren prominenten und doch eleganten Adern.

In der Bibel gäbe es keine Stelle, wo ein Kohl erwähnt wird, wird mir bei einer Führung erklärt. Aus religiöser Perspektive sei die Abbildung des Kohls nicht erklärbar. Wie die Handwerker darauf gekommen sind, dieses Gemüse in der Kirche zu verewigen, wird man nie erfahren. Dass das Gemüse, trotz seines unvorteilhaften Rufs, sehr ästhetisch ist, das bleibt in meinen Augen unbestritten.

Schneller als es uns lieb sein wird, wird der Kohl saisonbedingt wieder Einzug in unsere Küche halten und seinen strengen Geruch verbreiten. Doch bevor er zu einer Suppe oder Eintopf gekocht wird, betrachten sie seine Blätter. Ein wahres Meisterwerk der Natur. Davon waren auch die Männer überzeugt, die es in der prunkvollen verewigt haben.

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