Stadtbummel
So ein (Schnitt)lauch

Noëlle Karpf
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Der Schnittlauch oder auch «Allium schoenoprasum» ist mehrjährig.

Der Schnittlauch oder auch «Allium schoenoprasum» ist mehrjährig.

Nana Do Carmo

Täglich grüsst der Schnittlauch. Ich freue mich jedes mal, wenn ich das kleine Gemüsebeet auf meinem Fenstersims begutachte. Dort streckt seit Tagen der Schnittlauch seine grüne Zweiglein gen Himmel ‒ also seine Röhrenblätter (Ja, so lautet die ganz korrekte Bezeichnung. Und das Kraut, so weiss ich inzwischen auch, heisst offiziell «Allium schoenoprasum»). Und das, nachdem die Pflanze den ganzen Winter über als hellbrauner, trauriger Klumpen sein Dasein gefröstelt hat. Wahnsinn!

Und ich freue mich irgendwie auch, wenn ich das Bild des grünen Wunders im Kopf tragend auf die Gasse trete, über die ganzen Leute, die aus der Erde gesprossen sind. Mit dem Frühling – und dem Rabatt, den's in den Läden zu ernten gab, nachdem diese wieder öffnen durften. Auch wenn ich persönlich grade jetzt nicht unbedingt Schlange stehen würde dafür. Aber item.

Gebremst wird die Euphorie auf dem Weg kurz vor der Sammelstelle für Kompostbehälter. Diese erinnert an den grünen Daumen, der uns eben – so toll das Schnittlauch auch aussieht – eigentlich fehlt. Und an das verschollene grüne Kompostchübeli, das man irgendwann abgestellt und dann vergessen hat. Ups. Deshalb auch das schlechte Gewissen beim Blick durch ein anderes Fenster zu Hause, auf dessen Sims kein stolzer Schnittlauch thront, sondern eine blütenlose Orchidee (die Zweite) vor sich hinwelkt, die man nicht mal richtig entsorgen kann.

Wenigstens weiss ich, wo ich eine neue kaufen kann (die Dritte): In der Vorstadt gibt’s einen Blumenladen, der ähnliche Widerstandskraft bewiesen hat, wie der Schnittlauch. Geschäfte dieser Art durften geöffnet bleiben – und darauf hat der Laden, als rundherum alles zu war, immer und immer wieder mit selbst beschrifteten und bemalten Tafeln hingewiesen. Auch als irgend so ein Lauch – um's in der Jugendsprache auszudrücken – von Schmierfinken dort mit roter Farbe sein Unwesen getrieben hat. Ein paar Tage später war die Kleckserei weg – stattdessen wehen selbstgemachte und aufgeklebte Papierblüemli im Wind. Schön.

Ich bin überzeugt, dass es auf diese Details ankommt. Gerade wenn die Welt sonst nicht so rosig aussieht. Etwa auf den nächsten paar Metern. Die – um beim Kräuterbeet zu bleiben – wohl dem Abschnitt mit dem Unkraut gleichen: Schön ists nicht, aber man muss durch. Seit Wochen wehen mir von einer gewissen Baustelle nämlich Pfiffe, Gelächter und irgendwelche Sprüche entgegen, wenn ich – im Wintermantel und das Gesicht unter der Maske versteckt (weil sich manche wahrscheinlich fragen, was die Frau denn wieder anhatte – anstatt sich zu fragen, was der Typ denn für ein Problem hat) – dort vorbeihaste. Sie dürfen das als Kompliment oder als schmeichelnd finden, ich nehme das nicht so wahr. Zurückrufen bringt nichts (das habe ich einmal gemacht). Also senke ich den Blick und denke still für mich: So ein Lauch. So lande ich früher oder später wieder beim Schnittlauch. Allium schoenoprasum. Das hilft ein bisschen.