Stadtbummel
Rätselraten um einen Käfig

Judith Frei
Judith Frei
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Artigi-Käfig-Marktplatz.

Artigi-Käfig-Marktplatz.

Judith Frei

Er steht an bester Lage in der Altstadt und strahlt seit der Renovation der Liegenschaft mit der Adresse Marktplatz 1 in neuem Glanz. Der Käfig, der viele Solothurnerinnen und Solothurner rätseln lässt.

Beim Rundgang durch das neue Café Viktor, das gerade neben dem Käfig steht, konnte die Betriebsleiterin nur den Zweck des Käfigs erraten. Sie habe gehört, dass das ein Pranger sei. Was «Artigi» bedeutet, wisse sie nicht. Dieses rätselhafte Wort steht auf dem Käfig geschrieben. Momentan steht er leer, ein paar blaue Plastikröhren ragen aus der Wand. Später würde das Café dieses rätselhafte Schmuckstück gerne nutzen. Wofür wissen sie aber noch nicht.

Seither kann ich nicht mehr über den Marktplatz bummeln, ohne nach Hinweisen zu suchen, die Aufschluss über den ursprünglichen Zweck des Käfigs geben würden. Vielleicht hat man dort Brennholz gestapelt und, damit es nicht geklaut wird, hinter Eisengitter gesperrt. Die Solothurner Fahne auf dem Dach gibt dem Käfig jedoch einen offiziellen Anstrich, das würde für den Pranger sprechen.

Schon bald hatte ich genug spekuliert und wollte eine abschliessende Antwort. Wer weiss schon besser Bescheid als die Denkmalpflege? «Über die Funktion des Käfigs wurde immer viel spekuliert (Pranger?). Für mich ist das eher eine alte Vogelvoliere. Aber wirklich bekannt ist die Funktion des Käfigs meines Wissens nicht», ist die niederschmetternde Antwort des Denkmalpflegers Stefan Blank. Anstatt einer definitiven Antwort ein weiterer Zweck für die Liste: Ein Zuhause für grosse oder dicke Vögel, denn die Gitterstäbe stehen weit voneinander und sind kein Hindernis für einen Spatz oder eine Taube. Voliere für einen Greifvogel?

«Das weiss bestimmt Stefan Blank», antwortet Erich Weber, Kurator des Museum Blumenstein, auf meine Frage: «Ich habe keine Ahnung.» Er habe gehört, dass es ein Pranger gewesen sei.

Er schaut verwundert in mein enttäuschtes Gesicht. Ich erkläre, dass auch Blank nur rätseln kann. «Aber das ist doch toll, dass man nicht alles weiss», ist die überraschende Reaktion des Historikers. Das würde doch die Fantasie beflügeln.

So muss ich mich geschlagen geben und damit leben, dass ich in Zukunft nur an den Käfig denken kann, wenn ich über den Marktplatz flaniere. Da er so zentral liegt, habe ich schon eine Liste möglicher Zwecke erbummelt: - Hundezwinger
- Verkaufsstelle für schmale und wertvolle Gegenstände
- Abstellort für dreckige Stiefel
- Brennholz-/Holzkohlelager
- Lager für Dinge, die nicht durch die Haustüre passen
- Ein Schrein mit einer wertvollen Heiligenstatue

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