Stadtbummel
Mutprobe Kreuzackerbrücke

Judith Frei
Judith Frei
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Der Bezwinger der Kreuzackerbrücke.

Der Bezwinger der Kreuzackerbrücke.

Judith Frei

Die Zehen sind schon kalt und feucht. Daran Schuld ist der Regen und nicht mein frühlingshafte Schuhwerk, davon bin ich überzeugt. Es ist schliesslich Frühling. Statt laue Frühlingstage, pfeift aber seit einigen Tage der Wind durch die Gassen. Und jetzt regnet es auch noch.

Ich gehe über den Kreuzackerplatz Richtung Altstadt. Die ist nur wenige Schritte entfernt, erscheint aber unerreichbar. Dazwischen liegt nämlich die Kreuzackerbrücke. Will man sie überqueren ist man der Witterung schutzlos ausgesetzt.

Der Wind zerrt an den Fahnen der Literaturtagen, die Seile scheppern gegen die Fahnenmasten, wie das Säbelrasseln einer mittelalterlichen Armee. Auch der Regen wirkt gefährlich. Er fällt nicht mehr senkrecht vom Himmel, sondern fegt waagrecht über die Brücke und scheint die Passanten zu attackieren.

Die Fussgänger, die es vor mir wagen, die Brücke zu überqueren, senken ihre Köpfe, fassen ihre Jacken enger und beschleunigen ihre Schritte. So auch ich: Den Schirm wie ein Schutzschild gegen den Regen gerichtet, den Kopf gesenkt und der Gang schneller. Der Wind rüttelt an meinem Schirm, er will ihn mir aus der Hand reissen, doch gegen meinen eisernen Griff ist er chancenlos.

Am Brückenkopf angekommen fühlt es sich an, als ob ich etwas mutiges gemacht habe. Ich bin jetzt überzeugt, dass ich mich auch unter den widrigsten Bedingungen in der Natur zurecht finden könnte.

Doch dann sehe ich etwas weisses durch die Blätter schimmern. Am Fuss des Palais Besenval sitzt ein Schwan auf seinem Nest. Der Regen und Wind perlt an ihm ab. Meine mir selbst gegeben Outdoor-Credits verfallen durch seine Ruhe im Sturm.