Stadtbummel
I han es Zündhölzli azündt

Judith Frei
Judith Frei
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Tauben auf der Aaremauer.

Tauben auf der Aaremauer.

Oliver Menge

Die Tauben und Spatzen picken die dahingeworfenen Körner, der fütternde Mann schaut ihnen mit einem abwesenden Blick zu. Es ist Mittag. Viele verbringen ihre Pause unter den Platanen und beobachten die Vögel, die sich um die Bank scharen. Der Taubenvater von Solothurn, der sich im Auftrag der Stadt um die Tauben kümmert, würde sich über diesen Anblick nicht freuen, schiesst mir durch den Kopf. Die Vögel haben genug Futter in der Stadt, höre ich die Experten vom Naturmuseum sagen. Eine Andeutung eines Lächelns sehe ich auf den Lippen des Mannes, der die Tiere füttert.

«Das ist nicht gesund für die Vögel, die scheissen auch überall hin», sagt der im Rollstuhl sitzende Mann, der genau vor dem Mann auf der Parkbank angehalten ist. Der Mann auf der Bank schaut ihn freundlich an und grüsst ihn. Offensichtlich hat er kein Wort verstanden. Der Rollstuhlfahrer wiederholt, was er gesagt hat, schleudert ihm jetzt die Worte aggressiv entgegen. Da erhebt sich ein Mann von der Aaremauer, der dort ein Dosenbier getrunken hat, und schnauzt den Rollstuhlfahrer an, er soll sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Dabei schaut auf den Mann hinunter und wird immer lauter.

Muss man hier intervenieren, frage ich mich. Kommt es hier zu Handgreiflichkeiten, falls nicht jemand die Streithähne trennt, oder eskaliert die Situation eher, falls ich mich auch noch einmische? Wird der Streit vom Kreuzackerplatz in die Altstadt schwappen? Zuerst die Stadtregierung, dann die Kantonsregierung und zuletzt den Bund auf den Plan rufen? Wird dann die UNO eingreifen müssen? Während mir Mani Matter in den Sinn kommt, ist der Rollstuhlfahrer weitergefahren.

Mit grossen Augen und sichtlich perplex schaut der Vogelmann dieser Szene zu. Er versteht noch immer nichts. «Ich komme aus Syrien», sagt er, nachdem der Mann mit dem Dosenbier gefragt hat. Er wolle nicht streiten, fügt er in gebrochenem Deutsch hinzu und schaut auf die Körner, die er verstreut hat. «Die Körner sind nicht ungesund», sagt er nicht ohne Zweifel in der Stimme und wirft eine weitere Handvoll in die Vogelmenge. Wieder lächelt er ein wenig und ich bin froh, dass ihm der Zwischenfall nicht die Freude genommen hat. Trotzdem bleibe ich überzeugt: Tauben füttern ist keine gute Idee.

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