Stadtbummel
Eine Liebeserklärung an meine eigenwillige Freundin

Judith Frei
Judith Frei
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Jura ist auch auf meinem Sofa zu Hause.

Jura ist auch auf meinem Sofa zu Hause.

Judith Frei

Wenn sie schnurrt, dann bildet sich an ihrem weissen Kinn ein Tropfen, sobald er zu gross wird, fällt er auf ihre Pfoten oder in den langen Pelz ihrer Brust. «Ist das eine Norwegische Waldkatze», fragt eine Freundin, die bei mir auf Besuch ist.

Die Frage kann ich nicht beantworten, denn das Büsi, das sich auf meinem Sofa bequem gemacht hat, gehört nicht mir. Seit ich regelmässig zu Hause arbeite, entdecke ich immer wieder neue Dinge in den eigenen vier Wänden oder in der unmittelbaren Umgebung.

So entdeckte ich auch sie: Jura. Sie sass auf dem Balkontisch und starrte mich an, ihre Nase berührte beinahe das Fenster. Aus ihren Ohren wuchsen lange Haare, man denkt sofort an einen Luchs. Die Brust, der Bauch und die Pfoten sind weiss, der Rücken und Schwanz braun getigert.

Ich war nicht sonderlich überrascht sie zu sehen, die Haare, die sie auf den Kissen hinterlassen hatte, verrieten ihre regelmässigen Besuche. Doch dass sie mich so unverhohlen anstarrte, erstaunte mich dann schon.

Als ich die Balkontüre öffnete, sprang sie vom Tisch und ohne zu zögern in die Wärme. Ohne Scheu besichtigte sie die ganze Wohnung. Da es draussen kalt war, liess ich sie gewähren und sie machte es sich auf dem Sofa bequem.

Am nächsten Tag spielte sich das Gleiche ab. Ich arbeitete, während die Katze auf dem Sofa schnurrte. Nach einigen Tagen wunderte ich mich, dass sie so viel Zeit bei mir verbrachte und rief der Nummer an, die an ihrem Halsband angebracht ist. «Jura ist im ganzen Quartier zu Hause», erklärt ihre Besitzerin lachend. Dass sie bei uns zu Hause ist, störe sie nicht.

«Eine Katze kann man nie vollständig besitzen», meint die Freundin, als ich ihr die Geschichte erzählte. Die eigenwilligen Tiere würden sowieso machen, was sie wollen. Diese Aussage erfüllte mich mit Freude: Jura hat mich ausgewählt. Sie könnte überall im Quartier hingehen, aber sie hat mich auserwählt.

Doch die Beziehung ist an das Quartier gebunden und ich werde es nächsten Monat verlassen. Die Vorfreude auf die neue Wohnung ist natürlich gross, doch nicht ungetrübt: Meine vierbeinige Freundin werde ich zurücklassen müssen. Sie wird mir fehlen, die freche Katze, die im ganzen Quartier wie ein bunter Hund bekannt ist und die es sich auf allen Sofas bequem macht.