Stadtbummel
Ein Knigge für den Videocall

Judith Frei
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An einem virtuellen Stadtrundgang.

An einem virtuellen Stadtrundgang.

Judith Frei

Ein Rascheln, man hört jemanden murmeln oder gar fluchen, dann geht die Kamera an. «Gsehnd ihr mich?», fragt die Person, oder besser die Nase, die in die Kamera lugt. Die schon anwesenden Personen – oder wie sagt man besser: eingeloggten Personen? – haben den Bemühungen der Nase während der letzten paar Minuten zugeschaut.

Die Organisatorin des Anlasses stellt das Mikrofon rasch ein und bestätigt, dass man die fragende Nase gut sieht und hört. Die anderen Personen, die nichts weiter als Initialen auf der Benutzeroberfläche sind, schweigen.

Eine weitere Person kommt hinzu oder eher schleicht sich in das Treffen. Ohne Hallo oder Lebenszeichen erscheinen plötzlich neue Initialen auf der Oberfläche. Wer mag wohl gekommen sein?

Die Veranstaltung fängt an. Die Nase hat Mikrofon und Kamera noch an und spricht gleichzeitig mit jemandem im analogen Raum. Bei einem anderen Nutzer hört man ein singendes Kind im Hintergrund. Die Organisatorin bittet beinahe schon verzweifelt, dass man doch die Mikrofone zumachen soll. «Das sollte man doch wissen», denke ich für mich.

Im letzten Jahr haben sich die Verhaltensregeln schon in der analogen Welt verändert. Händeschütteln ein Tabu, Winken gilt als höflich. Oder soll man sich mit den Ellbogen berühren oder ist das dann wiederum zu viel Nähe?

Die Verunsicherung gilt auch für den digitalen Raum. Dort kommt dazu, dass die Umgebung ungewohnt ist. Sind alle Kameras und Mikrofone an, dann gibt es Störgeräusche. Glaube ich zumindest. Und auch die eigene Umgebung spielt eine Rolle, wie das Treffen verläuft: Ist die Internetverbindung schlecht, dann wird es für alle mühsam, und auch die Baustelle vor meinem Haus erschwert es mir, der Veranstaltung zu folgen. «Ich höre einen Presslufthammer», sagt jemand. Ja, auch ich habe vergessen, das Mikrofon stumm zu schalten. Ach, wie freue ich mich auf den Augenblick, wieder durch die Stadt zu bummeln und mir keine Gedanken über Videocalls machen zu müssen.

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