Anderthalb Jahre sind seit dem Baustart vergangen und Sie haben stets betont, dass die Sanierung im Zeitplan ist. Zwei Tage vor der Übergabe an den Theaterbetrieb kann man sagen: Glück gehabt …

Andrea Lenggenhager: Ja, das gesamte Team hat Glück gehabt. Man könnte es aber mit dem viel zitierten Ausdruck «das Glück des Tüchtigen» noch besser beschreiben. Ich hatte nicht nur Bedenken, sondern grossen Respekt vor der Herausforderung, das Projekt fristgerecht abzuschliessen. Gleichzeitig hatte ich Vertrauen in die Planung und in die Vollständigkeit der Ausschreibungen und in die Projektleitung. In Solothurn pflegt man eine Konsens- und weniger eine Streitkultur, so haben alle Beteiligten – Generalplaner, Unternehmer, Behörden, Betreiber – dazu beigetragen, dass wir das Ziel jetzt und im Kostenrahmen erreichen konnten. Die Grundlagenarbeit und die detaillierte Vorbereitung, aber auch eine erfahrene Bauleitung, die auch auf Unvorhergesehenes reagieren konnte, bildeten die Basis dieses Erfolgs. Blickt man auf vergleichbare Projekte dies- und jenseits der Grenze, so sind Kosten- und Terminüberschreitungen eher die Regel als die Ausnahme.

Sie sprechen von Unvorhergesehenem: So kamen barocke Brüstungsmalereien hervor, mit denen man nicht gerechnet hatte. Denkmalpflegerisch ein Glücksfall, bauplanerisch wohl eher weniger?

Beim Hervortreten der Malereien sind in mir unterschiedliche Gefühle hochgekommen. Tatsächlich hat sich die Freude über den historischen Fund mit Selbstvorwürfen gemischt. Wir haben uns hinterfragt, ob wir wirklich alle Abklärungen genügend tiefgründig vorgenommen haben. Es gab auch schlaflose Nächte, wie wir mit dieser Aufgabenstellung künftig umgehen sollen. Doch trotz allem war der Fund ein grosser Gewinn für unser Theater und auch für die Stadt.

Die zweite Überraschung folgte, als man auf Grundmauern aus dem 13. Jahrhundert stiess.

Nein, das war eigentlich ziemlich vorhersehbar. Die Vorbereitungsarbeiten mit den Archäologen haben eigentlich ziemlich genau die terminlichen Rahmenbedingungen aufgezeigt. Man wusste, dass mittelalterliche Mauern zum Vorschein kommen würden.

Während der Bauzeit blieb auch Kritik nicht aus. Zu reden gab die Regiekabine, die zu weit in den Theatersaal hineinragt, sowie die Platzierung der Garderobe im ersten Stock.

Wir haben mit den Bedenkenträgern mehrere Gespräche geführt und sie letztlich davon überzeugen können, dass wir mit dem Betrieb zusammen eine optimale Lösung gesucht und gefunden haben. Neu auftretende Kritikpunkte haben wir jeweils wiederholt mit den Betreibern untersucht und dazu differenzierte Prüfungen unternommen. Aber wir haben das Optimale herausgeholt, was dann auch meist zur Überzeugung der Kritiker geführt hat. Nicht zuletzt auch, weil wir aufzeigen konnten, wie wir zu unseren Entscheidungen gelangt sind.

Auch die Platzierung der Behindertenplätze in den oberen Rängen könnte beschäftigen – wenn sich im Brandfall der Lift ausschaltet.

Die Behindertenplätze wurden nicht zuletzt auf Forderung von Procap geschaffen. Nach Abschluss der Sanierung wird die städtische Feuerwehr das Gebäude besichtigen und die Plätze registrieren, sodass Rollstuhlfahrer im Brandfall priorisiert evakuiert werden. Auch sind die Rauchmelder auf frühe Branderkennung ausgelegt. Eine Entrauchungsanlage und das als Brandabschnitt eingerichtete Treppenhaus erhöhen die Sicherheit zusätzlich.

Das Haus Krieg musste wegen morscher Balken im Umbau Federn lassen. Und auch die Fassade wurde rundum erneuert. Blutet einem da nicht das Herz, so viel historische Bausubstanz aufgeben zu müssen?

Das Haus Krieg stand schon immer unter Denkmalschutz. Trotzdem musste man dort aufgrund schlechter Bausubstanz tiefe Eingriffe machen. Das konkrete Problem war die fortgeschrittene Alterung der Holzbalken. Natürlich waren die Eingriffe auch aufgrund vieler einzuhaltender Vorschriften so massiv. Wenn etwas nicht sanierbar ist, muss nach Neuem gesucht werden. Auch von Anfang an klar war, dass die Fassade umgestaltet werden muss. Die Planer achteten vor allem darauf, dass das Haus trotz Neuinterpretation der Fassade den historischen Ausdruck behält.

Ist die Sanierung des Stadttheaters das grösste Bauprojekt Ihrer beruflichen Laufbahn – gerechnet am Investitionsvolumen?

Sicher nicht das grösste, aber wohl eines der komplexeren.

Inwiefern?

Das Haus bestand aus vier Bauteilen, die man zum gleichen Zeitpunkt sanieren musste. Das bedeutet per se Komplexität. Was die Sanierung dann noch komplexer machte und den ohnehin schon grossen Kosten- und Termindruck erhöhte, war die Umplanung, als die Brüstungsmalereien im Saal zum Vorschein kamen. Dadurch entstand die Herausforderung, die historische Substanz mit den neuen Materialien stimmungsvoll zu verbinden.

Statisch betrachtet dürfte die Stahlaufhängung der Saaldecke eine Knacknuss gewesen sein.

Die Statik konnte man in der Planung sehr gut einschätzen, doch da die Bausubstanz weniger intakt war als angenommen, musste man jeweils situativ reagieren. Doch die Decke, die Sie ansprechen, war so geplant. Alles, was planbar ist, ist auch meist problemlos zu bewältigen.

Und andere Überraschungen in Sachen Statik? Das Administrationsgebäude wurde radikal ausgehöhlt.

Das ist ein gutes Beispiel, ja. Entsprechende Vorsondierungen haben andere Erkenntnisse zutage gefördert, als was sich während des Umbaus zeigte. Eine andere Überraschung war wie erwähnt die Entdeckung der Malereien im Theatersaal. Auf einmal mussten wir unerwartet die denkmalpflegerisch bedeutsamen Ränge erhalten, statt sie abzubrechen. Da kam natürlich auch die Frage der Statik auf: «Hält es?»

Das «ältestes Barocktheater der Schweiz» verfügt über einen «Teerplätz» statt Pflasterstein vor dem Eingang. Ein Anachronismus?

Wir haben die Frage mit der Denkmalpflege aus historischer Sicht erläutert. Diese hat den Standpunkt favorisiert, die Theatergasse als Gasse und nicht als Platz zu definieren. Der Teer als Belag definiert die Trottoirs, die Pflastersteine hingegen die Fahrbahn. Auf Höhe des Eingangs wird die Pflästerung durch Teer unterbrochen – und somit auch die Fahrbahn: Damit wird dem Fahrzeuglenker signalisiert, dass er sich dort in einer Fussgängerzone befindet. Auf alle Fälle wird die Teerfläche noch erneuert.

Eine Investitionssumme von 19,85 Mio. Franken wurde für den Theaterumbau aufgewendet. Ist mit Nachtragskrediten zu rechnen?

Aus heutiger Sicht können wir die Baukosten halten. Kleine Unsicherheiten bleiben bezüglich Mängelbehebung oder Bedürfnisse des Theaterbetriebs bestehen.

Die finanzielle Situation der Stadt war zum Zeitpunkt der Entscheidungsfindung mit einem Polster von 30 Mio. Franken rosig. Wäre das Vorhaben unter weniger günstigen Vorzeichen möglich gewesen?

Die Bevölkerung hat sich für diesen Umbau ausgesprochen. Ich denke, dadurch ist ein Theater entstanden, das einen sehr wertvollen Beitrag für die Positionierung Solothurns als Kulturstadt leistet. Wir konnten diese Modernisierung mit einem sehr guten Kosten-Nutzen-Verhältnis realisieren. Darüber hinaus wurden Sicherheit, Akustik, Bühnentechnik, Ambiente, Komfort für die Besucher und Arbeits- bedingungen bedeutend verbessert. Unter den gegebenen Auflagen und den baulichen Anforderungen wäre mit tieferen Investitionen ein Umbau kaum möglich gewesen. Mit geringerem Budget wäre der ganze Theaterbetrieb infrage gestellt gewesen.

Für die Stadt als Besitzerin galt ja die Devise «Wenn wir die Gebäude nicht mehr als Theater nutzen können – wofür dann?».

Alternativnutzungen standen natürlich auch zur Diskussion, auch der Neubau «auf der grünen Wiese» war eine Option. Jede Alternative hätte aber zu einer doppelten finanziellen Belastung geführt, weil die Weiterführung des Theaterbetriebs in Solothurn gesetzt war.

Welche Ausstrahlung hat das sanierte Theater nach aussen?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass wir uns in den letzten Jahren unheimlich auf die Fertigstellung konzentrieren mussten. Auf nationale oder internationale Pressestimmen konnte ich kaum achten. Das Theater hat aber grossen Prestigecharakter. Für Fachleute und Besucher wird es daher gleichermassen eine positive Ausstrahlung haben, ebenso für unseren Tourismus. Die Stadt kann auf dieses Theater stolz sein.

Hatten Sie in dieser intensiven Zeit denn auch die Möglichkeit, beim ausgelagerten Theaterbetrieb in einem Sessel Platz zu nehmen?

Ja, ich habe einige Vorstellungen in den Provisorien besucht – Reithalle, Zeughausplatz oder Kunstmuseum. Auffällig war, dass dem Besucher bewusst wurde, mit welch grossem Aufwand und welchen Kosten temporäre Installationen mit Zuschauer- und Bühnenbereich verbunden sind. Auf alle Fälle haben die Darstellungen in den Provisorien sehr überzeugt, die Stücke waren bewegend. Die Auslagerung hat das Theater auch einem breiteren Publikum transparent gemacht. Ich bin überzeugt, dass es bei vielen das Interesse geweckt hat, künftig Grosses in diesem Theater zu erleben.

Blick ins sanierte Stadttheater: Weitere Theater-Details gibt es in der Bildergalerie unten oder anlässlich des Tags der offenen Türe diesen Samstag von 9 bis 15 Uhr.