Wer die St.-Ursen-Kathedrale nochmals von innen und ohne Gerüst sehen will, sollte am Samstag um 13 Uhr, 14 oder 15 Uhr eine der angebotenen Führungen nutzen – ab 18. April wird das Gotteshaus endgültig zur Grossbaustelle. «Wir werden von hinten nach vorne die Kirche laufend einrüsten und zuerst reinigen. In einem zweiten Schritt folgen dann die Renovationsarbeiten», erklärte gestern Architekt Pius Flury, der im Auftrag der Kirchgemeinde Solothurn, der Eigentümerin von St. Ursen, die Kathedrale schon seit 1979 betreut. Kirchgemeindepräsident Karl Hebb bestätigte die komplexe Aufgabenstellung, vor der man nach dem Brandanschlag vom 4. Januar steht: Zuerst kämen die Reinigungsarbeiten im völlig verrussten Kircheninnern, dann die schon seit Jahren ins Auge gefasste Renovation. «Da sich aber vor allem im Bereich der künstlerischen Ausstattung wie Fresken, Gemälde und Stuckaturen die Brandsanierung nicht sinnvoll von der übrigen Sanierung trennen lässt, wurde ein gemeinsames Vorgehen in einer Sanierungsetappe gewählt.» Mit anderen Worten, St. Ursen bleibt mindestens für weitere «16 bis 18 Monate» geschlossen.

Was bezahlt wird und was nicht

Erst eine Gesamtzahl steht fest: Die Versicherung übernimmt die 3,5 Mio. Franken, welche die Reinigung und den Ersatz der verbrannten Gegenstände wie Teppiche, Altar, Sitze und akustische Einrichtungen umfassen. Nicht auf die von Stadtpfarrer Paul Rutz genannten zwei Millionen wollten sich Heeb und die anderen Verantwortlichen der «Projektgruppe Brand» festlegen, was die sonstigen Kosten anbelangt, die für die Restaurationsarbeiten und notwendige technische Umrüstungen, beispielsweise bei der Beleuchtung, anfallen. «Das bisherige Licht der alten Kristalllüster war ungenügend», meinte beispielsweise Architekt Pius Flury zu einem der noch nicht bezifferbaren Kostenpunkte, die jedoch bis im Juni zuhanden der Kirchgemeindeversammlung geklärt sein müssen. Zwar «spart» die Kirchgemeinde 600000 Franken Gerüstkosten, da diese für die Brandspurenbeseitigung ohnehin anfallen. Doch Beiträge von Bund und Kanton gibts nur für die Renovation des künstlerischen Schmucks, nicht aber für die technischen Installationen. So ist einer der hauptsächlichen Kostenpunkte die Neugestaltung des Chorraums, für die laut Karl Heeb eine eigene Projektgruppe eingesetzt worden ist. Das alles dürfte eben in die Millionen gehen; Geld, das die 3900 zählende Kirchgemeinde Solothurn alleine nicht aufbringen kann. Karl Heeb: «Deshalb sind wir auf Spenden angewiesen. Erfreulicherweise hat die angelaufene Spendenaktion bisher 143000 Franken erbracht.»

Heikle Arbeit an den Orgeln

Zwar von der Versicherung gedeckt sind die Kosten fürs Reinigen und Instandstellen der beiden Orgeln – doch handelt es sich dabei um besonders anspruchsvolle Arbeiten. «Überall ist Russ, und vor allem dürfen die Instrumente nicht mehr bespielt werden, weil er sich sonst noch mehr im Innern des Instruments verteilt. Deshalb habe ich im Tag nach dem Brand als Erstes die Sicherungen entfernt.» Der Berner Orgelbauer Pierre Barré, mit den Arbeiten an der Hauptorgel betraut, zeigt vor Ort, was ihm bevorsteht: 4000 Blech- und Holzpfeifen müssen ausgebaut, gereinigt und wieder installiert werden, «ohne dass die kleinste Veränderung an den Orgelpfeifen eintritt. Ein kleiner Kratzer genügt, und schon klingt sie nicht mehr wie vorher.» Auch die drei Orgelwerke müssen demontiert und gesäubert werden, und insgesamt veranschlagt Barré für die Arbeiten vier Monate mit einer Kostenfolge von 200000 Franken. «Vor allem bei der Abstimmung des Klangs brauche ich totale Ruhe. Da sind keine anderen Arbeiten in der Kirche möglich», zeigt der Spezialist auf, warum er erst ganz am Schluss, nach allen Säuberungs- und Restaurationsarbeiten, zum Zug kommen wird.

Trocken, trocken und feucht

Bereits steht ein endlos hohes Gerüst im linken Seitenschiff der Kathedrale. «Denn oben ist der Russ am Schlimmsten.» Das Gerüst diente dem «Pröbeln», welche Reinigungsmethode der riesigen weissen Stuckflächen nicht nur die effizienteste, sondern auch die schonendste sei. Zufällig ist diese auch für die Versicherung die günstigste und wird von Architekt Pius Flury wie folgt zusammengefasst: «Alles ist Handarbeit. Zuerst trocken absaugen. Nachher die Restpartikel mit einem trockenen Gummischwamm entfernen. Und erst dann feucht nachreinigen. Aber feucht, nicht nass!»

Wer dabei rundum in das gewaltige Kirchenschiff und den mächtigen Chor blickt, hat das Gefühl, hier stehe man vor einer unendlichen Aufgabe. Denn schon erklärt Pius Flury an einem Seitenaltar, was die Reinigung und gleichzeitige Renovation bedeutet: Verschiedenste Materialien wie Marmor, Marmor-Holzimitation, vergoldete Flächen und die mit Ölfarben bemalten Leinwände erfordern unterschiedliche, spezielle Reinigungs- und Auffrischungstechniken. Pech, dass die zwei Seitenaltäre vorne und einer hinten bereits in den letzten Jahren restauriert worden sind – jetzt müssen auch sie wieder zumindest vom allgegenwärtigen Russfilm befreit werden, damit die biblischen Szenen, gemalt in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts, wieder ihre alte Leuchtkraft erhalten.

Einzahlungsscheine für Spenden zugunsten der Renovation liegen auf im Office von Region Solothurn Tourismus, in der Jesuiten- und St.-Marien-Kirche sowie auf der Kirchgemeindeverwaltung.