Sie zählt zu den beliebten Spielplätzen der Stadt: Die Chantier-Anlage hält eine lange Liste an Spielmöglichkeiten bereit. Noch länger aber ist ihre Mängelliste. Leserreaktionen lassen dies vermuten – ein Fachmann bestätigt es. Dabei geht es in der Hauptsache nicht um die Bausubstanz, sondern um Konstruktionsmängel, die heutige Normen verletzen. Diese Beanstandungen gehen so weit, dass das Stadtbauamt gestern unter Beizug ihres Sicherheitsverantwortlichen nach einer Visite auf dem Spielplatz dessen Sperrung verfügt hat: Die Leiterin des Stadtbauamts, Andrea Lenggenhager, war mit zahlreichen Mängeln konfrontiert worden, die aus der Recherche dieser Zeitung hervorgegangen waren.

Andreas Grimm ist Fachmann für Spielplatzsicherheit und kennt die Situation vor Ort. Zusammengefasst entspricht die Anlage gemäss seiner Expertise in vielfacher Hinsicht nicht mehr heute gängigen Standards. Sein wichtigstes Arbeitsinstrument ist die schweizerisch-europäische Norm SN/EN 1176, die für öffentliche Spielplätze angewendet wird, also für Anlagen, die von drei oder mehr Parteien benutzt werden. Auch kleinere Quartierplätze oder Spielplätze von Gastrobetrieben gehören in diese Kategorie. Rechtlich relevant wird die Norm aber erst, wenn etwas passiert und Haftungsfragen auftauchen. Genau diese Gefahr stand den Stadtbehörden ins Haus: Stürzt ein Kind auf dem Chantier-Spielplatz und verletzt es sich schwer, so drohen rechtliche Schritte gegen die Stadt Solothurn als Betreiberin.

Gefahr für Leib und Leben

Der Fachmann zeigt die Schwachstellen im Detail. Als Erstes fallen sogenannte Kopffangstellen auf: «Öffnungen müssen so dimensioniert sein, dass der Kopf nicht stecken bleibt», sagt Grimm und macht auf die Gefahr einer Strangulation aufmerksam. Mithilfe von Prüfkörpern zeigt er, dass an gewissen Stellen wie bei der Rutschbahn oder beim Kletternetz ein Kinderkopf stecken bleiben kann.

Ähnlich verhält es sich mit Öffnungen, an denen ein Fuss oder ein Finger hängen bleiben kann. Mängel, die Grimm auch auf dem Chantier-Spielplatz wiederfindet. Wichtiges Kriterium für den Fachmann ist auch der durch Normparameter definierte Fallraum, der frei von Hindernissen bleiben muss, damit ein stürzendes Kind auf den dämpfenden Belag fällt. Augenscheinlich scheint die Situation beim Kletternetz, wo eine Holzhalterung im Weg ist. «Fällt ein Kind auf diese Balken, so besteht das Risiko eines Genickbruchs.» Unzureichend sei auch der Fallraum rund um die Rutschbahn sowie dessen Freiraum: Nichts darf laut Norm in einem gewissen Radius um die Fahrbahn sein.

Fakt ist: Der Treppenaufstieg nebenan steht zu nahe bei der Rutschbahn. Die Problematik des Freiraums bei Geräten mit einer sogenannt «erzwungenen Bewegung» gilt im Übrigen auch für die Seilbahn: Dort könnten Spielplatzbenutzer ungebremst in die Gerüstpfosten am Bahn-Ende prallen.

Mit Blick nach unten zeigen sich weitere Schwachstellen auf dem Chantier-Spielplatz: «Die Fallschutzplatten, mit denen der Platz ausgelegt ist, liegen auf einem Kiesbett», zeigt Andreas Grimm auf. Allerdings füllen die Kieselsteine die Zwischenräume der unterseitigen Struktur auf, so dass die abfedernde Wirkung bei einem Aufprall verpufft. «Hier müsste ein Hartbelag unterlegt sein.» Ausserdem müssen die Platten dem Fallraum entsprechend eine gewisse Dicke einhalten: «Auch dies ist nicht gegeben.»

Im Fokus sind auch sogenannte Einstiegsfilter: Sie verhindern, dass zu kleine Kinder ein Spielgerät überhaupt erst betreten können. Die Situation vor Ort zeigt, dass beim Rutschturm eine solche Hürde nicht existiert und jüngere «Kundschaft» – oben angekommen – herunterfallen könnte, weil eine Brüstung fehlt. «In dieser Frage geht der Appell auch an die Eltern, die ihre Kinder oft über solche Hürden helfen, die dafür gedacht wären, sie abzuhalten.» Tatsächlich ist bei rund 70 Prozent aller Spielplatzunfälle eine Aufsichtsperson in nächster Nähe. Sturzgefahr ortet Grimm auch auf dem ungesicherten Turmdach. «Dieses ist über das Kletternetz leicht zugänglich.»

Verändertes Sicherheitsbedürfnis

Grimm weiss, dass die Sicherheitsmentalität in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Das habe einerseits damit zu tun, dass heute nach einem Unfall als Erstes die Haftungsfrage im Zentrum steht. Und: «Kinder sind ungeschickter als früher.» Tatsächlich bringt die Hälfte aller Kindergärteler keinen Purzelbaum mehr zustande. Dementsprechend ist auch die Norm straffer gehalten als früher. Gleichzeitig nimmt der Bedarf an Spielplätzen im urbanen Raum je mehr zu, umso weniger Familien die Natur aufsuchen, weiss Grimm. «Aber ein Sprichwort sagt, dass passieren darf, was bis zur Hochzeit verheilt. Und wir wollen die Kinder ja nicht in Watte packen.» Tatsächlich sind die Standards so ausgelegt, dass leichte «Bräschte» bis zu gelegentlichen Knochenbrüchen beim Austoben durchaus in Kauf genommen werden dürfen.

Was sagt das Stadtbauamt dazu?

Man sei immer wieder angegangen worden, dass die Ausrüstung nicht mehr heutigen Bedürfnissen gerecht werde, verdeutlichte Andrea Lenggenhager auf Anfrage: «Würden uns aber Sicherheitsmängel gemeldet werden, dann würden wir diese prüfen und sofort beheben», machte sie vor ihrer Visite vor Ort klar: Dies ist nun durch die Zeitungsrecherche geschehen. Gebaut wurde der Spielplatz vor 20 Jahren, Neuinstallationen folgten vor 10. Und 2010 wurde die Anlage letztmals nach SN/EN-Norm geprüft und revidiert: «Die dazumal aufgezeigten Mängel wurden behoben.» Ansonsten werde der Spielplatz laut Lenggenhager wöchentlich durch den Werkhof kontrolliert und instand gehalten. Eine jährliche Hauptinspektion durch einen Experten, wie sie die SN/EN-Norm vorsieht, sei aber nicht durchgeführt worden.

Konfrontiert mit der vorliegenden Mängelliste wird man auf dem Stadtbauamt in den nächsten Tagen bis Wochen über das «Wie weiter?» des Chantier-Spielplatzes brüten. Und: Auch die anderen Spielplätze sollen nun mittelfristig punkto Sicherheit inspiziert werden.