Stadtbummel Solothurn
Spätabends steigen in Solothurn nicht nur die Temperaturen

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Die Frau kletterte auf einen der Bäume im Kreuzackerpark. (Archiv)

Die Frau kletterte auf einen der Bäume im Kreuzackerpark. (Archiv)

Lucien Fluri

Ich sass spätabends an der Hafebar und war nicht besoffen. Was ich sah, geschah tatsächlich. Eine junge Frau schwang sich aufs Aaremürli, direkt unter dem grossen Baum, und kraxelte von der Aareseite her einen dicken, herabhängenden Ast hoch. Man meinte, sie sei als Katze geboren. Sie stieg immer weiter den Baum hinauf, bis wir sie im Blätterwald nicht mehr erkennen konnten. Fünf Minuten später spulte sich das Zurück-zur-Natur-Manöver rückwärts ab. Die Dame stieg hinab. In den Niederungen hielten wir sie an und fragten noch, was sie denn dort oben gemacht habe. Aber unsere Neugier pisste sie an. «Ich wollte für mich sein», sagte sie rotzig und lief davon. Das Wetter blieb jedenfalls auch in den folgenden Tagen noch schön.

Und weil das Wetter schön war, blieb auch immer wieder die Zufahrt zum Ritterquai gesperrt. Scheint die Sonne, brennt es auch bei der Stadt, Kurzzeit-Vollgas-Orgien und röhrenden Auspuffen einiger Szenefreaks mit ihren tiefergelegter Boliden den Riegel zu schieben. Anders handhabt man dies übrigens in der Stadt Zürich. Man stellt keine Vauban-Ständer auf, sondern Polizisten hin und büsst, wer – laut schönstem Beamtendeutsch – Lärm verursacht durch «andauerndes, unsachgemässes Benützen des Anlassers und unnötiges Vorwärmen und Laufenlassen des Motor stillstehender Fahrzeuge, hohe Drehzahlen des Motors im Leerlauf, beim Fahren in niedrigen Gängen, zu schnelles Beschleunigen des Fahrzeugs».

Im April hat die Stadtpolizei Zürich hat an einem Samstagnachmittag am Bürkliplatz innerhalb von dreieinhalb Stunden 24 Car-Spotter verzeigt. Solothurn könnte das Geld zweckgebunden für das Aufrüsten einer städtischen Fachstelle Lärmkompetenz verwenden. Die könnte sich dann all der Lärmgutachten vorläufig stillgelegter Solothurner Nachtlokale annehmen. Oder Präventionsarbeit leisten. Denn das subtile präventive Einflüstern verändert uns auf die Dauer mehr als Sie denken. Oder waren Sie nicht am Ritterquai, als ganz ruhig der Slow-up vorbei zog? Mehr als jeder zweite hatte einen Velohelm an. Heute tut man freiwillig, wogegen man sich früher sträubte.

Oder wann war das letzte Fumoir-Gstürm in der Stadt? Auch hier wirkte die Prävention. Wer würde heute freiwillig in einen SBB-Raucherwagen steigen, gegen dessen Abschaffung man sich damals wehrte?

Und so werden wir alle irgendwann, dank Prävention und Intervention, ganz gute und brave Menschen sein. Vielleicht wird uns dann auch ein wenig langweilig sein, weil wir alles so korrekt machen und wir uns über nichts mehr aufregen können. Aber dann können wir noch immer auf Bäume klettern.