Zukunft
Solothurner Tourismusbüro will mit der digitalen Welt Schritt halten

Im digitalen Zeitalter versuchen Tourismusbüros, ihre Pfründe zu sichern. Was tut man in Solothurn?

Andreas Kaufmann
Drucken
Teilen
Die Digitalisierung stellt die traditionelle Rolle und die bisherigen Ansprüche an ein Tourismusbüro auf den Kopf.

Die Digitalisierung stellt die traditionelle Rolle und die bisherigen Ansprüche an ein Tourismusbüro auf den Kopf.

Andreas Kaufmann

«Die Digitalisierung lässt den Tourismus nicht unberührt.» Mit dieser Aussage spricht Jürgen Hofer, Direktor Region Solothurn Tourismus, wohl vielen Amtskollegen und Branchenkennern aus dem Herzen. Der Einschlag macht sich in Kennzahlen bemerkbar – ein Beispiel: Mehr als ein Viertel aller Schweizer Hotelreservationen erfolgt laut «Hotellerie Suisse» über Buchungsplattformen. Und unter diesen hält ein US-Marktplayer die Vormachtstellung: Booking.com vereint 70 Prozent Marktanteil auf sich und zieht Kommissionen ein, die sich laut Fachleuten zwischen 10 und 20, vereinzelt bis 30 Prozent bewegen.

Auch im Kreuzfeuer der Kritik steht die sogenannte Best-Price-Praxis des Buchungsportals: Booking.com untersagt beteiligten Hotels via Vertragsklauseln, im Direktverkauf auf der eigenen Website tiefere Preise anzubieten als über ihren Vertriebskanal. Dagegen hat der Ständerat Pirmin Bischof im September im Parlament erfolgreich die Motion «Verbot von Knebelverträgen der Online-Buchungsplattformen gegen die Hotellerie» platzieren können.

Dennoch: Was dem Schnäppchenjäger ein Segen, ist dem Touristiker auch so ein Grauen. Über die Kommissionen, sagt Hofer, zügeln globale Buchungsplattformen Wertschöpfung ins Ausland ab. Demgegenüber bekämen Schweizer Portale wie «Tomas» oder «STC» nur marginale Marktanteile am gesamten Kuchen ab. «Diese Schlacht haben wir längstens verloren», sagt Hofer zum Quasi-Monopol von booking.com. «Und auch bei den Bewertungsportalen wie Tripadvisor sind wir bloss ‹Follower›.» Auch hier: «eine verlorene Schlacht.»

«Inhalte als Goldgrube»

Eine ganz andere Schlacht auf dem digitalen Terrain lässt sich vielleicht noch gewinnen: beim Content, also dem Inhalt, den man Touristen über die eigene Destination vermittelt. «Auch Google hat angefangen, sich für dieses Thema stärker zu interessieren», beobachtet Hofer. «Big Data» lautet das Zauberwort, das Bewirtschaften grosser Mengen an Kundendaten. Und: Micro-Targeting – die auf die erhobenen Interessen des einzelnen Users abgeschnittene Werbeplatzierung. Dieses «höchste Gut» des Inhalts will Hofer nicht aus Augen verlieren. «Wir dürfen die Aufbereitung des Contents für unsere Gäste nicht anderen überlassen.» Das Projekt «Tourist Office 3.0» bringt 19 Schweizer Tourismusdestinationen, darunter Solothurn Tourismus zusammen, um genau diese Pfründe zu sichern.

Jürgen Hofer, Tourismusdirektor «Gegenüber Tourismusdestinationen, wo lediglich zwei Prozent aller Gäste das Tourist Office konsultieren, steht Solothurn mit 30 Prozent gut da.»

Jürgen Hofer, Tourismusdirektor «Gegenüber Tourismusdestinationen, wo lediglich zwei Prozent aller Gäste das Tourist Office konsultieren, steht Solothurn mit 30 Prozent gut da.»

Zur Verfügung gestellt

Mittels Erhebungen, Kundenauswertungen, Mitarbeiterfragebogen, Gesprächen und Workshops sollen Strategien für die künftigen Ausrichtung entwickelt und der Werkzeugkoffer für die Herausforderungen einer digitalen Tourismuswelt bereitgestellt werden. Noch bis im Frühjahr dauert das Projekt an.

Es werden kritische Fragen zur Zukunft des Tourismus gestellt – und möglicherweise in Form von Leitlinien und Umsetzungsprojekten auch beantwortet: Welche Rolle hat ein Tourismusbüro? Wie bringt ein Touristiker die zielgruppengerechte Angebotsinformation an den Kunden? Und letztlich die ketzerische Frage: Brauchts die physische Anlaufstelle für Touristen noch?

Anpassen oder schliessen?

Eine Frage, die sich beispielsweise auch bei Poststellen aufdränge, sagt Hofer. Zumindest in Solothurn stellt sie sich aber nicht mit gleicher Dringlichkeit wie anderswo. «Gegenüber Tourismusdestinationen, wo lediglich zwei Prozent aller Gäste das Tourist Office konsultieren, steht Solothurn gut da.» Hofer schätzt, dass 30 Prozent aller Interessierten eine direkte Beratung im Tourist Office brauchen, oder sich hier mit Broschüren eindecken. «Aufgrund seiner zentralen Lage in der Altstadt wird das Büro von Touristen wie Einheimischen stark frequentiert.» Gerade auch letztere will man nicht missen, da hier auch Zugtickets oder Gutscheine bezogen werden können.

In der Ausgestaltung der touristischen Dienstleistungen haben auch Einheimische für Hofer einen hohen Stellenwert. «Es braucht eine Balance zwischen Auswärtigen und Einheimischen.» Carweise Touristen zum Samstagsmäret in die Altstadt karren, das wolle man sicher nicht. Aus seiner Sicht besteht auch mittel- bis längerfristig eine Existenzberechtigung für das Tourist Office, das aktuell 750 Stellenprozente oder 9 Personen umfasst, davon eine Praktikums- und eine Lehrstelle.

Den Anschluss nicht verlieren

Der Blick in die Zukunft gleicht für Jürgen Hofer dennoch einem «Lesen in der Kristallkugel». Umso mehr: «Wer nicht mitgestaltet, mit dem wird gestaltet», ist Hofer überzeugt. «Und wir wollen mitgestalten und unsere Hausaufgaben machen, damit wir den Anschluss nicht verlieren.» Damit stelle sich die Frage nach der künftigen Rolle des hiesigen Tourismusbüros so oder so. Nur: Als einzelne Tourismusdestination wäre ein Projekt wie «Tourist Office 3.0» allein nie zu stemmen gewesen. Initiiert wurde es im Übrigen von «Gutundgut GmbH», einem Entwickler für Tourismusprojekte aus Zürich, und von der «Die Ergonomen Usability AG».

Unterstützung fliesst dem Projekt seitens dem touristischen Förderprogramm Innotour des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco zu. Und so scheint Hofers Mission für die Zukunft klar: «Beim Content müssen wir am Ball bleiben. Wir wollen, dass sich die Gäste auf unseren Plattformen informieren – und nicht warten, bis Google das besser macht.»