Praktikantenlöhne
Solothurner Stadttheater zahlt trotz Millionen keinen Franken Praktikumslohn

Das Theater erhält Millionen von der öffentlichen Hand; Praktikanten im künstlerischen Bereich arbeiten aber gratis. Die Verantwortlichen relativieren den Umstand. Bei den Berufsverbänden äussert man sich dazu aber kritisch.

Lucien Fluri
Merken
Drucken
Teilen

Zwei bis drei Tage Präsenz in der Woche «hinter und um die Bühne», hunderte Stunden Theatererfahrung im Büro und in der Theaterpädagogik: Das erwartet den künftigen Praktikanten des Jungen Theaters Solothurn. Nur Geld gibt es nicht: «Das Praktikum wird nicht entlöhnt», heisst es im Stellenbeschrieb. Und es ist nicht die einzige Ausschreibung dieser Art.

«Die Hospitanz wird nicht entlöhnt», hiess es dieses Frühjahr bei der ausgeschriebenen Regie- und Dramaturgiehospitanz für die erste Inszenierung der Saison, auch wenn während mehreren Wochen ein Einsatz von rund 200 bis 300 Stunden ansteht. «Proben betreuen, bei den Recherchen helfen und organisatorische sowie dramaturgische Aufgaben übernehmen», listet der Stellenbeschrieb auf.

Ein Theater, das jährlich Millionen von der öffentlichen Hand erhält und keinen Franken Praktikumslohn bezahlt? «Ich bin ganz klar der Meinung, dass unsere Gagen für das künstlerische Personal zu tief liegen und ich nehme jede Gelegenheit wahr, die Öffentlichkeit und die verantwortlichen Politiker darauf hinzuweisen», sagt Dieter Kägi, Intendant am Theater Biel-Soloturn.

Bezüglich der Praktika relativiert er allerdings: «Es sind Praktika im künstlerischen Bereich.» Dort seien unbezahlte Anstellungen üblich. Praktikumsstellen in der Kommunikation würden dagegen entlöhnt und auch im handwerklichen Bereich gebe es keine unbezahlte Arbeit. Büroarbeit beim Jugendtheater sei die Ausnahme.

«Branche prekarisiert sich»

Kritischer sehen das die Berufsverbände. «Grundsätzlich wenden wir uns als Berufsverband gegen jegliche unbezahlte Arbeit im professionellen Bereich», schreibt Claudia Galli vom Berufsverband der freien Theaterschaffenden (ACT) auf Anfrage. «Auch Praktika sollten entlöhnt werden.» Insbesondere, da etwa der Aufgabenbereich einer Regiehospitanz sehr unterschiedlich sei. «Meistens übernimmt man für die Regie oder für die Produktionsleitung administrative Arbeiten.»

«Die Branche prekarisiert sich damit selber», gibt Hannes Steiger vom Schweizerischen Bühnenkünstlerverband zu bedenken. Für ihn ist entscheidend, ob ein reines Ausbildungsverhältnis oder auch Arbeitsleistungen vorliegen. In letzterem Fall würde seiner Meinung nach der Gesamtarbeitsvertrag für das künstlerische Solopersonal zur Anwendung kommen. Dieser liegt für ausgebildetes künstlerisches Personal am Theater Biel Solothurn bei 3300 Franken im Monat.

Ein Lohn, den Steiger an sich selbst kritisiert: Es sei «unverständlich», ausgebildeten Künstlern 3300 Franken Mindestlohn zu bezahlen, während der Mindestlohn für ungelernte Techniker laut Gesamtarbeitsvertrag bei 4000 Franken liege. Dieter Kaegi relativiert. «Ein junger Künstler ist entwicklungsfähig.» Und ungelernte Techniker würden in Solothurn nicht angestellt.

Praktikumslöhne: Beim Staat ist es klar geregelt

Wer für seine Ausbildung zwingend auf ein Praktikum angewiesen ist, läuft Gefahr, schlecht bezahlt zu werden. Genau geregelt ist der Lohn beim Kanton. «Wir sprechen von Entschädigung und nicht von einem Lohn», sagt Regula Nünlist, stellvertretende Chefin des Personalamtes. Je nach Ausbildungsstand beträgt die Entschädigung zwischen 900 und 2400 Franken. Bekanntestes Beispiel für Praktikanten beim Kanton sind Juristen, die für den Anwaltstitel beim Gericht oder in der Verwaltung hospitieren müssen.
Auch bei den Solothurner Spitälern gibt es Richtlinien: «Die Entlöhnung richtet sich nach den Empfehlungen der entsprechenden Schulen», sagt Monika Hug, Leiterin Kommunikation der Solothurner Spitäler. «Je nach Ausbildungsjahr bewegt sich diese zwischen 900 und 1300 Franken pro Monat.» Praktikanten, die ihr Praktikum vor Ausbildungsbeginn absolvieren, erhalten 700 Franken. Praktikumsstellen gibt es etwa für Hebammen oder in der Physiotherapie. Für ihr Studium sind auch Journalismus- und Kommunikationsstudenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) auf ein Praktikum angewiesen. Als Orientierungshilfe empfiehlt die ZHAW 1000 Franken monatlich. Gezahlt werden laut André Schibli, Co-Leiter des Bachelorstudiengangs Kommunikation, im Journalismus zwischen 800 und 2000 Franken, in der Organisationskommunikation zwischen 1000 und 2500 Franken – mit «Ausnahmen nach unten oder oben in beiden Bereichen.» Nur einen Betrieb kennt Schibli, der keine Löhne zahlt. Dafür bezahlt dieser eine externe Weiterbildung. (LFH)

«Unheimlich begehrt»

Kaegi wehrt sich gegen die Ansicht, dass junge Leute gratis für das Theater schuften müssten. «Es ist oft ein Dienst am Praktikant.» Das Theater ermögliche mit dem Praktikum einen Platz, der nicht notwendig wäre und den das Budget nicht vorsehe. Der Praktikant erhalte dafür einen Einblick und möglicherweise einen Fuss in die Türe.

Gerade bei der im Frühjahr ausgeschriebenen Regiehospitanz gehe es darum, dass junge Kräfte Erfahrungen sammeln können. Regiehospitanzen seien denn auch unheimlich beliebt. «Man ist dankbar, wenn man hineinschauen kann.» Zudem versuche man den Praktikanten noch eine zusätzliche Arbeit, etwa bei Beleuchtungsproben, zu geben, sodass er auf eine Entschädigung um die 1000 Franken komme – was allerdings zusätzliche Arbeit bedeutet.

Florian Reichert ist Leiter Fachbereich Oper/Theater an der Hochschule der Künste Bern. Dort weiss man, dass Studenten bei hochkarätigen Regisseuren auch mal unentgeltlich mitarbeiten, wenn es sich gut im Curriculum macht. Die Hochschule selbst achtet laut Reichert bei den Praktika ihrer Studenten darauf, «dass die Praktika nicht die freien Stellen und somit die Berufsanfänger konkurrenzieren, denn es kann nicht das Interesse sein, aus der von uns verantworteten Ausbildung heraus die Chancen der eigenen Abgänger zu mindern.»

Es komme jeweils stark darauf an, ob ein Praktikum wirklich einen Mehrwert in der Ausbildung darstelle oder «ob es eher so aussieht als würde hier eine kleine Rolle kostengünstig besetzt.»

Öffentliche Hand regelt nichts

Über elf Millionen Franken Subventionen erhält das Theater Orchester Biel Solothurn pro Jahr von der öffentlichen Hand. 3,1 Mio. Franken bezahlt gemäss Leistungsvereinbarung die Stadt Solothurn.

Im Vertrag zwischen öffentlicher Hand und Theater halten die Geldgeber explizit fest, dass das Theater Praktikumsplätze anbieten muss. Bezüglich Entlöhnung schweigt man sich allerdings aus. Das Theater sei für sein Personalwesen selbst verantwortlich, steht im Vertrag. «Wir können nur bedauern, dass bei den Diskussionen um öffentliche Gelder für den Kulturbereich die Arbeitsbedingungen meistens ausgeblendet werden», sagt Hannes Steiger.