Anerkennung
Solothurner Künstler: «Ich hätte längst einen Preis verdient»

«Warum erhalte ich nie einen Kunstpreis», nervt sich der Solothurner Maler Peter Ackermann. «Denn im Gegensatz zu anderen hätte ich ihn längst verdient.»

Andreas Toggweiler
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Peter Ackermann, «verkannter Kunstmaler», in seinem Atelier in Solothurn.

Peter Ackermann, «verkannter Kunstmaler», in seinem Atelier in Solothurn.

Hansjörg Sahli

Der 69-jährige Solothurner Peter Ackermann ist geladen. «In mir hat sich in den letzten Jahren ein Frust angesammelt, dem ich jetzt einfach mal Luft machen muss.» Ackermann sitzt am Tisch im Wohnzimmer seines Appartements in einem schmucklosen, aber schön gelegenen Mehrfamilienhaus unweit der Aare. Hier wohnt er schon lange. Die Wände hängen voller Bilder; Souvenirs von Auslandreisen, Bücher und einiges mehr hat sich auch angesammelt.

Die meisten Bilder sind von ihm selber. Denn Ackermann ist «Kunstmaler», wie es in der Datenbank des Kantonalen Kuratoriums für Kulturförderung auch offiziell heisst. Und er hält sich für einen preiswürdigen Künstler – und sagt es auch so.

Mit der Solothurner Kunstmafia abrechnen

Nur haben das bisher einfach zu wenig Leute realisiert. Vor allem nicht jene, die alljährlich in der kantonalen Kunstszene die Lorbeeren verteilen, Kunst- und Anerkennungspreise stiften und an prickelnden oder langweiligen Vernissagen Laudationes auf die Qualitäten ihrer auserwählten Schützlinge halten. «Mit der Solothurner Kunstmafia muss man endlich einmal abrechnen. Jetzt ist es mir eh gleich, was die Leute denken. Ich bin 69 und habe nichts mehr zu verlieren.»

Peter Ackermann ist einer von vielen, die denken, ihr künstlerisches Talent werde verkannt. Nur machen die meisten die Faust im Sack und begehren nicht öffentlich auf. Ackermann ist vor allem enttäuscht, dass sein unermüdliches, jahrzehntelanges Schaffen kein Echo von offizieller Seite erhalten hat. Er habe etliche Ausstellungen gehabt, sogar einmal im Landhaus. «Der Stadtpräsident hat jeweils ins Gästebuch geschrieben, es sei schön, was ich für Solothurn mache. Doch davon kann ich nicht leben.» Denn die Stadt habe nie ein Bild von ihm gekauft, auch der Kanton nicht. «Von Anerkennung keine Spur. Das ärgert mich. Besonders wenn ich sehe, was die so auszeichnen und wer sich heute alles Künstler nennen kann.»

Das künstlerische Curriculum von Ackermann verzeichnet verschiedene auswärtige Kunstpreise von Schweizer Firmen. Richtig stolz ist er auf den ersten Preis bei einem Malwettbewerb in Agde in Südfrankreich 1998. Aber hier in Solothurn werde er einfach nicht ernst genommen.

Viel verkauft

Beim breiten Publikum sei er immer gut angekommen, er habe zeitweise viele Bilder verkauft und auch recht daran verdient, betont Ackermann. «Die Ausstellung im Landhaus war sogar ein Grosserfolg», erinnert er sich. Da habe er sich gleich eine Weltreise geleistet. Das war 1988. «Danach war ich wohl etwas unfokussiert», räumt er ein. Es sei eben auch seine Krankheit. Er sei manisch depressiv, bezog Jahrzehnte lang IV-Rente. Heute bleibt ihm nur die AHV plus Ergänzungsleistungen. «Also im Moment bin ich eher klamm, denn mit der Malerei ist es zurzeit sehr schwierig...» Da käme ein wohldotierter Kunstpreis doch gerade recht. Ackermann ist sich bewusst, dass ein solcher nach diesem Rundumschlag wohl endgültig verwirkt ist. «Ich krieche niemandem rein, wie das andere Künstler tun», ereifert er sich. Von Galeristen halte er nichts und auch der Kunstsupermarkt sei keine Option. «Ich kann doch nicht dort ein Bild für 300 Franken anbieten, und ähnliche habe ich vor Jahren für 3000 Franken verkauft. Da würde ich ja meine bisherigen Kunden für dumm verkaufen.»

Thomas Woodtli: «Kunst ist auch Kommunikation»

Für Thomas Woodtli, Präsident der Fachkommission Bildende Kunst des Solothurner Kuratoriums für Kulturförderung und selber Maler in Witterswil, war Peter Ackermann bisher ein Unbekannter. Bis dieser ihn kürzlich in einem Brief übel beschimpfte. «Seine Wortwahl war derart verletzend, dass ich nicht mehr gross Lust habe, mich weiter mit ihm zu befassen», erklärt Woodtli. Das sehe auch der Fachausschuss so. «Herr Ackermann hat mich vorher nie angerufen, beispielsweise um zu einem Atelierbesuch einzuladen», so Woodtli. Er verweigere sich offensichtlich der Vernetzung mit der Solothurner Kunstszene. «Bildende Kunst ist eine Form von Kommunikation. Auch wir möchten mit Kunstschaffenden kommunizieren. Schauen, wie sie sich mit einer Materie auseinandersetzen, welche künstlerischen Aussagen sie machen», betont Woodtli. Anders gesagt: regelmässige Kontakte, zumindest zu Künstlerkollegen oder zu Galeristen, sind nebst dem nötigen Talent unerlässlich, um sich einen Namen zu machen Das gilt nicht nur für die Solothurner Kunstszene. Dass Sympathie und Antipathie eine Rolle spielen, verneint Woodtli nicht. «Wer sich aber dieser Kommunikation verweigert, hat es sicher schwerer.» Mehr noch: wer die Hand beisst, die ihn füttern soll, muss schon ein verdammt guter Maler sein. «Viele überschätzen sich, manche sogar masslos», sagt er. In einem Zeitalter, wo jeder sein eigenes Buch drucken kann und jeder seinen Spielfilm produzieren, glauben auch viele an den Durchbruch als bildende Künstler. Dies zeigt sich auch an der Teilnahme an der diesjährigen Weihnachtsausstellung. 160 Personen haben ihre Werke eingereicht. 40 können berücksichtigt werden. Woodtli betont, dass es immer mehr Plattformen gibt, wo jemand seine Werke präsentieren kann. Die Weihnachtsausstellung ist nur eine davon. Abgelehnte Künstler haben zudem angefangen, ihre Bilder gleichzeitig in einer «Werkschau der Abgelehnten» zu präsentieren. So bleibe garantiert kein Talent unerkannt. Auch gebe es noch immer einige Galerien, die auch regionale Künstler zeigen. Vom Internet gar nicht zu reden. Neuerdings, so Woodtli weiter, kann man sich um die Förderpreise des Kantons sogar selber bewerben. Es werden drei Unterstützungsbeiträge à 18 000 Fr. ausgesprochen. Für die drei Beiträge gab es dieses Jahr 82 Bewerbungen. (at.)

Peter Ackermann hatte es nicht leicht und wird es weiterhin nicht leicht haben. Die Wut macht der Resignation Platz. Seine Bilder malt er wie eh und je, auch heute noch. Vom Stil her harmonisch komponierte, farbige Sujets über «das Leben und die Liebe», wie Ackermann sagt. Allerdings nichts, das man nicht schon gesehen hätte. Oft sind stilisierte Frauen(-gesichter) erkennbar.

Auch Landschaften hat er gemalt, mehr a contre coeur und auf Bestellung. Sein «berühmtestes» Bild ist eine Auftragsarbeit für Confiseur Werner Rüegsegger aus dem Jahre 2002. Das 160 x 90 Zentimeter grosse Tableau «Solothurn aus der Vogelperspektive» war in dessen Geschäftsräumlichkeiten zu sehen und wurde auch in den Dekorationen von Rüegseggerschen Süssigkeiten «zitiert».

Kritzeleien beim Telefonieren

Solothurn bedeutet Peter Ackermann viel. In einem Bäckereibetrieb in der Vorstadt aufgewachsen, machte er eine Lehre als Herrenmode-Verkäufer in der Goldgasse, bildete sich danach kaufmännisch weiter und war zeitweise Geschäftsführer eines Modegeschäftes in Zürich. Der Verkaufsdruck habe ihm aber zugesetzt. Er wechselte ins Büro und musste schon bald ganz mit dem Arbeiten aufhören. Der Arzt riet zur IV-Rente.

Ackermann erzählt gern von einst. Wie er als Teenager in Südfrankreich Marc Chagall zuschaute zum Beispiel. Mit dem Malen angefangen habe er aber erst als Erwachsener. Wie beim verstorbenen Berner Künstler Franz Eggenschwiler fing es an. «Die Kritzeleien beim Telefonieren gefielen meinem Bruder so gut, dass er mich ermutigte, Bilder zu machen.» Sie wurden nebst dem Sport zu seinem wichtigen Lebensinhalt.

Stolz zeigt er sein erstes Bild von 1982. «Das verkaufe ich nicht mehr.» Andere würde er gerne an den Mann bringen. Sie hängen im Treppenhaus des Blocks und füllen ein kleines Magazin im Keller. Weggehen wäre eine Option. Ins Ausland, nach Polen beispielsweise, wo seine Frau herkommt. «Da reicht das Geld noch weiter als hier.» Auch habe man an seinen Bildern Freude. Er habe dort schon ausgestellt. «Aber Geld, um eines meiner Bilder zu kaufen, hat dort erst recht niemand.»