Holzbänke und Plastikstühle stehen in beachtlicher Anzahl im schummrigen Licht der grossen Halle. Und jeder Sitzplatz ist besetzt. Das Publikum, das sich anlässlich des Kleinkunsttags im «Kofmehl» eingefunden hat, scheint so bunt durchmischt wie die Künstler, die auf der Bühne stehen. Ebenso mannigfaltig sind die gewählten künstlerischen Ausdrucksformen und die behandelten Themen. Denn die Auftretenden haben eine Carte blanche erhalten: Alle dürfen über ihre zehn Minuten frei verfügen, tun und lassen was sie wollen.

Die Liebe wird besungen, die Zauberei parodiert und Nichtstun wird zur Poesie. Wie schon in den fünf Jahren zuvor, stehen auch heuer zehn Darbietungen an – von Einzelartisten oder Gruppen. Dem Anspruch, nur Kleinkunsttag-Neulinge auftreten zu lassen, wird man gerecht. Umso bemerkenswerter ist es, dass nach den 50 Acts, die sich in der vergangenen halben Dekade die Ehre gegeben haben, noch immer Künstler aus dem Raum Solothurn auffindbar sind, die das Publikum wirklich zu begeistern vermögen.

Musik aus diversesten Sparten

Da wären zum einen die Vertreter aus der Musiker-Gilde; auch hier spiegelt sich der Facettenreichtum der Veranstaltung. So trägt Minnesänger Manfred Hargens (bekannt als Strassenmusiker aus der Solothurner Altstadt) Lieder aus vergangenen Tagen oder mit selbst komponierten Melodien versehene Gedichte vor, während Angela Petiti und Christine Weber als «Bill & Coo» schmachtende Balladen und vertonte Frühlingsgefühle zum Besten geben.

Wortakrobatik mal vier

Auf der eher heiteren Seite des Musizierens wandeln Flipper Schönenberger (mit Kinderliedern) sowie die Musikanten der «Bühne Burgäschi» (mit Operetten-Schlagern). Doch nicht nur gesungen, auch getanzt wird am Kleinkunsttag. Oliver Flury und seine Crew wirbeln und moonwalken in ihrer «Michael Jackson Tribute Experience» überzeugend choreografiert zu einem Medley des King of Pop.

Eine ebenfalls präzis einstudierte Nummer präsentiert Erwin Zeitz alias Hausmeister Erino. Der Magic-Comedy-Vizeweltmeister führt Zaubertricks auf, die manchmal gelingen, oft scheitern, aber immer für Lacher sorgen.

Ode an die Langeweile

Sowohl lustig als auch nachdenklich zeigen sich die Schriftsteller. In diese Kategorie fallen etwa Dominique Lysser mit ihrer Kurzgeschichte über das Schönreden der eigenen Biografie oder auch Poetry-Slammer Simon Keller, der in seiner «Ode an die Langeweile» demonstriert, wie man (ganz ohne stressige Schuldgefühle wegen verpasster Gelegenheiten) lustvoll das Nichtstun leben kann – und der in einem euphorisch beklatschten «Nachruf» den Tod der Rechtsgleichheit in der Schweiz beklagt.

Ebenfalls wortakrobatisch veranlagt ist Jan Schneider, der Texte aus seinem Buch «Identitätskrise eines Schachcomputers» liest und dabei mit assoziativen Formulierungen die Geschlechterrollen und andere automatisierte Verhaltensmuster infrage stellt.

Philosophie des Aufräumens

Urkomisch sind Reto U. Schneiders Kurzgeschichten, bei denen wohl kaum ein Auge trocken bleibt. Der stellvertretende Redaktionsleiter des «NZZ Folio» philosophiert über das Aufräumen, findet, die Unordnung zeige dann ihre hässlichste Fratze, wenn man von einem Gegenstand nur ein Exemplar («ein dreckiger, kleiner Aufräum-Anarchist») besitzt, und rät, der Ordnung zuliebe, aus dem nächsten Urlaub statt eines, doch gleich 36 Zahnstocherspender mitzubringen.

Ebenso witzig kommt die Geschichte über den Bau eines Vogelhauses mit dem klangvollen Titel «Papa, wo ist der Presslufthammer?» daher.