Christoph Germann präsentiert nicht ohne Stolz den «Maskierten Strolch», den er soeben mit dem Fangnetz am Fenstersims erwischt hat. Doch es handelt sich nicht um einen Einbrecher. Vielmehr krabbelt hier unter dem ausgefallenen Kosenamen in einem Schauglas die Staubwanze herum: «Sie sticht, was schmerzhaft ist», sagt Germann, der nicht Kammerjäger ist, sondern Entomologe mit Leib und Seele. Als solcher geht er selbst in den Räumen des Naturmuseums manchmal auf Insektenfang. Und abgesehen vom Museumskäfer, der sich nicht selten an hiesigen Beständen gütlich tut, sind andere Exemplare ein wissenschaftlicher Gewinn.

Käfer sind seine Welt

Seit einem halben Jahr leitet der 38-Jährige den Bereich der wirbellosen Tiere. Er trat im November die Nachfolge von Elsa Obrecht an, die fast 30 Jahre lang die Geschicke der Insektensammlung geleitet hatte. Während Obrecht als Fachfrau vor allem Hummeln und Fliegen im Visier hatte, ist die Ordnung der Käfer Germanns Welt. «Rund 7'000 Arten gibt es in der Schweiz, weltweit sind über 300'000 beschrieben, doch es dürfte weit mehr als eine Million unentdeckter Arten geben», erklärt Germann. «Leider sterben diese schneller aus, als welche entdeckt werden – vor allem in den Urwäldern.» Jene aber, die bekannt sind, werden in Schaukästen verewigt, so auch in Solothurn. Als Trockenpräparate in Schranksystemen, fein säuberlich beschriftet mit Fundort und -datum, der Pflanze, auf dem sich das Insekt befand, und dem Finder. Hautflügler, Schmetterlinge, Käfer und weitere Gruppen haben sich hier in grosser Zahl angehäuft, oft viele Exemplare derselben Art. Dadurch können bei scheinbar gleichen Insekten allenfalls weitere Unterschiede und so neue Arten erkannt werden, sowie Erkenntnisse über die Verbreitung gewonnen werden.

Dafür unverzichtbar ist der wissenschaftliche Blick, der noch näher rangeht: Unter dem Binokular gewährt Germann einen Blick auf eine parasitoide Wespe und ihr Opfer, die Blattlaus. Nachdem die Angreiferin ihre Eier in den Leib des Wirts legt, schlüpft die Larve und frisst die Blattlaus von innen auf. Deshalb wird die Wespe in Treibhäusern eingesetzt. Die orientalische Mauerwespe baut in Rekordzeit ihre «Topfnestchen» aus Lehm und Erde. «Leute, die Wäsche draussen trocknen, waren erstaunt, nach wenigen Stunden diese Gebilde daran kleben zu sehen.» Ebenso unter dem Mikroskop schillert der golden bis grün-blaue Körper eines Prachtkäfers, der seinen Glanz keinen Pigmentfarben zu verdanken hat, sondern mikroskopischen Strukturen, die das Licht auf besondere Art brechen. Und so beschäftigt sich Germann mit weitaus mehr als bloss wissenschaftlichem Anschauungsmaterial. Es sind Geschichten: gruslige, verblüffende, und letzten Endes wundersame Geschichten. Und Begeisterung kann sein Fachgebiet ebenso auslösen, wie der Anblick eines Jungfuchs-Präparats auch kann.

Auf «Mitbringsel» angewiesen

«Wir sind die erste Anlaufstelle für Menschen, die Fragen haben», sagt Germann. Doch der Ausdruck Symbiose trifft es besser: Der Austausch zwischen Profi und Laie ist, gerade was die Sammlung der Insekten angeht, von grosser Bedeutung; obwohl «Laie» für erfahrene Insektenfans oft zu kurz greift. Auf «Mitbringsel» von Naturfreunden ist man bei der wissenschaftlichen Arbeit auf alle Fälle angewiesen. Ebenso wichtig ist aber der Austausch mit Spezialisten, die in einer Insektengruppe besonders bewandert sind.

Doch was fasziniert Germann an Insekten? Schon als Neunjähriger hat er in Schachteln Käfer, Wespen, Schmetterlinge gesammelt. «Dabei wurde mir klar, dass im Strauch vor der Haustür ein kleiner Dschungel der Vielfalt schlummert.» Und auf Museumsbesuchen als Halbwüchsiger fand er Menschen, die sich mit dem Thema auskennen. Später wurde er selbst einer dieser Menschen, deren Entdeckungsreise nie ans Ende gelangt: «Dass die Entomologie ein uferloses Thema ist, kann abschreckend sein – mich hat es aber immer wieder angespornt.» Und das tut es noch heute. Schliesslich gibts da draussen noch eine Million Käferarten zu entdecken. Mindestens.

Mittagssprechstunde zu Insekten:
Mi, 3. August, 12.15 Uhr, Naturmuseum.