Er ist sich den grossen Auftritt gewohnt. Und er legt ihn nicht nur in engerem politischem Kontext souverän hin, sondern auch vor Filmschaffenden und Filmliebhabern. Kulturminister Alain Berset hatte das 900-köpfige Publikum jedenfalls flugs im Sack, als er sich anschickte, die jüngste Ausgabe der Filmtage in der Reithalle zu eröffnen. Doch mit der leichten Muse war es schnell vorbei. Rasch zeigte sich die Lust am Philosophieren, die dem Bundesrat ebenfalls eigen ist.

Und das tönte dann zum Beispiel so: «Der Film zeigt uns, wer wir sind, zu sein glauben, sein wollen. Er führt uns vor Augen, worauf wir hoffen und wovor wir uns fürchten. Doch nicht nur dies: «Er lotet - im besten Falle – jene «terra incognita» zwischen echter Bedrohung und wohlig apokalyptischem Schauern aus, wo sich weltanschauliche Überzeugungen bilden und verfestigen, um schliesslich politikmächtig zu werden.»

Solothurner Filmtage mit dem Film "Tscharniblues II" eröffnet

Solothurner Filmtage mit dem Film "Tscharniblues II" eröffnet.

Film zeigt, was uns beglückt

Doch es ging Berset in seiner Eröffnungsrede nicht nur um das Gesellschaftliche, sondern auch um das Individuelle: Der Film zeigt, was uns beglückt und wonach wir streben. Wonach wir glauben, streben zu müssen, damit wir glücklich werden, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Und er lässt uns am Leben von Menschen teilhaben, die sich für eine bessere Welt einsetzen – auch und gerade, wenn es sich nur um deren eigenen Mikrokosmos handelt», sagte der Bundesrat an seine Zuhörerschaft gewandt. Und schloss die Klammer elegant so: «Wir sind alle Teil einer Gesellschaft, an deren Auseinanderdriften niemand ein Interesse haben kann – auch nicht die Starken.

Eröffnungsrede von Bundesrat Alain Berset: «Dass ich im letzten Jahr früh gehen musste, um Donald Trump am WEF zu treffen, habe ich sehr bedauert.»

Eröffnungsrede von Bundesrat Alain Berset: «Dass ich im letzten Jahr früh gehen musste, um Donald Trump am WEF zu treffen, habe ich sehr bedauert.»

Apropos: «Die Welt», so Berset, sei «nicht nur brüchiger geworden - sondern auch ergebnisoffener». Die Alternativlosigkeit werde gegenwärtig als das entlarvt, was sie ist: Denkfaulheit, Fantasielosigkeit, Kleinmut», meinte der Kulturminister. Um mit einem positiven Ton zu schliessen: «Die produktive Verunsicherung macht uns einfallsreich, kreativ, lässt uns in Szenarien denken. Eine Gegenwart, die wieder drängende politische Fragen stellt, zwingt uns dazu, auch wieder politischere Antworten zu geben.» Insofern sei die Erkenntnis, «dass es künftig instabiler wird, als wir es gewohnt sind, ein wichtiger Beitrag dazu, dass es stabiler bleibt, als wir befürchten», formulierte der Bundesrat mit sichtlicher Freude am kunstvollen Sätzedrechseln.

Von Idealisten und Realisten

Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer ihrerseits wandte sich in ihren Ausführungen an die Künstlerinnen und Künstler ebenso wie an die hohe Politik. Diese sei zwar von Idealen geleitet, doch die Realität entziehe sich diesen auch immer wieder. Derweil bestehe die Herausforderung für die Filmschaffenden darin, die Realität hinter sich zu lassen – was gar nicht so einfach sei. Umso mehr: «Die Kunst und die Kulturpolitik brauchen Idealisten, die Kunst braucht Idealisten – in der Politik hingegen sind Realisten gefragt, die Probleme lösen», rief Rohrer dem Publikum in der Reithalle zu.

Rede von Direktorin Seraina Rohrer an der Eröffnung der 54.Solothurner Filmtagen

Rede von Direktorin Seraina Rohrer

Um mit Blick auf den Eröffnungsfilm «Tscharniblues II» erstens festzuhalten, dass sich Ideale wandeln, Träume sich zerschlagen. Und zweitens erkenntnishaft festzustellen: «Es gibt keine realistischen Ideale. Und es gibt keine ideale Realität. Wer dies akzeptiert, lebt am intensivsten.» Gleichsam programmatisches Motto für die kommenden Tage. Und ein Versprechen: «Die Fülle an Filmen zeigt, dass die Schweiz ein produktiver Standort ist.» Und: «Heute können die Filmtage diese Vielfalt zeigen.» Die Auswahl sei dabei gleichzeitig «eine Verantwortung und ein Privileg», sagte Rohrer.

Hommage an drei Grosse

Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft Solothurner Filmtage, Felix Gutzwiller, erinnerte in seinen Begrüssungsworten schliesslich mit gutem Grund an drei grosse, kürzlich verstorbene Schweizer Filmschaffende: An Alexander J. Seiler, der mit seinem Film «Siamo Italiani» erstmals Gesichter von Migrantinnen und Migranten zeigte, an Yves Yersin, der mit «Les petit fugues» den Knecht Pipe neue Freiheiten entdecken liess, und an Pio Corradi, der als Kameramann in Fredy Murers «Höhenfeuer» die schummrige Stube eines Bergbauernhauses unvergesslich hatte werden lassen.

Kein Zufall vor diesem Hintergrund, würdigen die diesjährigen Solothurner Filmtage die drei mit einer speziellen Präsenz. Sie sind eben vieles in einem, die Filmtage. Im Zurückschauen ebenso wie im Gegenwarterfassen und Zukunft ausloten.

Filmcrew von «Tscharniblues II» trifft an den Filmtagen ein – Regisseur Aron Nick: «Die Filmtage zu eröffnen, hätte ich mir nie erträumt»

Filmcrew von «Tscharniblues II» trifft an den Filmtagen ein – Regisseur Aron Nick: «Die Filmtage zu eröffnen, hätte ich mir nie erträumt»