Da sitzt er nun in der voll gestuhlten aber leeren Galerie ArteSol, etwas versteckt hinter der Hauptgasse beim Roten Turm, und wartet. Es ist Mittagszeit, und Erhard von Büren wartet darauf, dass er dort weitermachen kann, wo er am Morgen kurz nach zehn Uhr angefangen hat und nicht gedenkt, vor neun Uhr abends damit aufzuhören.

Der Solothurner Schriftsteller liest, und zwar sein neustes Werk «Ein langer blauer Montag». Nicht etwa einzelne Stellen, sondern gleich das ganze Buch. Eine Marathonlesung nennt er das.

Eine verrückte Idee? Mitnichten. Denn schliesslich mache er das, was alle Autoren an den Solothurner Literaturtagen auch machten: Vorlesen, um ihr neustes Werk bekannt zu machen. Schade nur, sind jetzt über den Mittag keine Zuhörer erschienen. Von Büren lacht etwas verlegen, denn es fühle sich jetzt schon wie etwas Beschiss an. «Schliesslich wollte ich vor Publikum durchlesen.» In einem leeren Raum stur sein Buch weiterlesen, nein, so verrückt sei er nun aber auch wieder nicht.

Ein Kommen und Gehen

Stunden vorher: Von Büren sitzt auf einem Stuhl an einem kleinen, blauen Tischchen. Eine angeklebte blaue Leselampe beleuchtet einen seiner zwei blauen Ordner, in denen er die Texte von «Ein langer blauer Montag» vergrössert und ausgedruckt hat. Eine volle Wasserflasche steht am Boden, ein schwarzer Rucksack lehnt an der Wand. Einige Seiten seines neusten Werkes hat von Büren bereits umgeblättert. Es ist eine Geschichte über den Sommer zurück in den 50er-Jahren, über eine grosse Liebe des Protagonisten, die aber letztlich nicht erwidert wird. Erinnerungen an früher, die der Autor mal witzig, mal ironisch, mal selbstkritisch oder nachdenklich aufgreift.

Etwa 15 vorwiegend ältere Besucher hören andächtig zu, einige Blicke harren auf von Büren, andere scheinen in die Ferne gerichtet. Ob sie sich ihrer eigenen Geschichte erinnern? Der ersten grossen Liebe? Allerdings, und das ist auch dem Marathonleser klar, bleiben die wenigsten Zuhörer für länger als einen Erzählblock. Ihm den ganzen Tag zuhören? Nein, diesen Anspruch hätte er nie und nimmer. Einzig selber bis zum Schluss, dem Epilog, durchhalten, das will er.

Er kann es noch immer

Sehr kurzfristig ist die Marathonlesung von Erhard von Büren zustande gekommen. Vom Auswahlkomitee der Literaturtage ist er nicht berücksichtigt worden, also hat er sich kurzum selber eingeladen. Mit der Konsequenz, dass seine Lesung nicht im Programmheft steht. Viele Besucher dürften deshalb den Weg zu ihm schon gar nicht erst gefunden haben.

Zwei Hauptproben, je sieben bis acht Stunden, plus Leseregie hat von Büren für diese Marathonlesung investiert. Bereits vor 20 Jahren hat der Solothurner seinen ersten Roman «Abdankung» an einem Tag vorgelesen – damals allerdings in Manuskriptform. Am Ende des heutigen Tages wird der frühere Lehrer und Theaterspieler mit Genugtuung feststellen, dass er es noch immer kann – laut, lange und vor Leuten vorlesen. Es ist bereits nach 20 Uhr, Licht erhellt die Galerie ArteSol. Eine Handvoll Zuhörer lauscht Erhard von Büren. Nur noch wenige Seiten seines blauen Ordners muss er umblättern, dann ist sein persönlicher Marathon zu Ende.