Schliessung
Solothurn steht still – Betriebe kapitulieren aber nicht ganz vor Corona-Lockdown

Geschäfte und Beizen zu, kein Märet mehr: Nach dem kulturellen und gesellschaftlichen steht auch das wirtschaftliche Leben der Stadt Solothurn still. Doch ganz haben die Betriebe nicht kapituliert, auch wenn nur noch kleine Erwerbsnischen bleiben.

Wolfgang Wagmann
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Corona-Virus: 1. Tag des Lockdowns in Solothurn Blick von der St. Ursentreppe in die fast leere Hauptgasse
30 Bilder
Die Geschäfte machen mit unterschiedlichen Affichen auf die Schliessung aufmerksam
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Beim Manor
Einige Geschäfte bieten neue Services an
Blick in die fast leere Hauptgasse
Es gibt auch Lichtblicke
Der Kurier hat Hochbetrieb
Der fast leere Amthausplatz
Blick in die verlassene Gurzelengasse
Viel Platz in der Schmiedegasse
Fast keine Leute, dafür eine schöne Harley in der Gurzelengasse
Stilleben in der Brasserie Federal
Stilleben bei der Landhausbar
Bei der Pizzeria Aarebar werden die gewaschenen Teigbehälter getrocknet
Die Bäckereien sind geöffnet
Auch beim Solaare wird kein Menü aufgetischt
Fast alle Anlässe sind abgesagt
In der Drogerie Müller sind einige Bereiche abgedeckt
Corona Virus Notlage 1. Tag in Solothurn
Stephan Marti und Marlies Häfeli im geschlossenen Barock Cafe
Gegen Food-Waste. Im Barock Café kann man Gratis oder gegen Spende Suppe erhalten
Stimmungsbild vom geschlossenen Barock Café
In der Pizzeria Napoli hat es noch freie Plätze

Corona-Virus: 1. Tag des Lockdowns in Solothurn Blick von der St. Ursentreppe in die fast leere Hauptgasse

Hanspeter Bärtschi

Im Barock-Café verteilen Damaris Häfeli und Stephan Marti Lebensmittel, die sie bis am 19. April nicht mehr brauchen werden. Es ist der Tag eins, nach dem bundesrätlichen «Rien ne va plus» für sehr viele Gastro- und Gewerbebetriebe auch in der Stadt. Das Warenhaus Manor zu, alle Boutiquen und Läden, die nicht den Tagesbedarf decken ebenso. «Ich bin Grundversorger und kann deshalb weiterproduzieren.» Ruedi Wälchli hat jedoch schon letzte Woche deutlich weniger Kundschaft in seiner Stadtmetzg gesehen, als normal. «Es reicht nicht mehr, um die Kosten zu decken.» Was er da noch nicht weiss: Der Märet wird auch nicht mehr stattfinden. «Und der hat wenigstens am Samstag noch Leute in die Stadt gebracht.»

Hauslieferungen als Notlösung

Wie Wälchli setzen auch etliche Gastro-Betriebe auf einen Lieferservice. So beispielsweise der «Sternen», der bei geschlossenem Restaurant wenigstens den Pizza-Ofen heiss hält. Besonders hart trifft die Situation das Zunfthaus zu Wirthen, das im Restaurant 100 Plätze und nochmals 130 im Saal anbieten könnte. Wirthen-Wirt Chris van den Broeke: «Das Hotel war eh schon zu, es wurde alles storniert.» Von seinen 23 Angestellten auf der Lohnliste kann er derzeit gerade noch vier mit dem neu lancierten Hauslieferdienst beschäftigen. «Zwei arbeiten in der Küche, zwei liefern aus.» Wenn es gut anlaufe, könne er vielleicht noch mehr Personal einsetzen. «Bis jetzt ist das Feedback eigentlich recht gut», so van der Broeke.

Bis auf weiteres kein Märet mehr

Am Vormittag hatte Elsbeth Lanz gehofft, es werde nicht so weit kommen. Dann bestätigte Stapo-Kommandant Peter Fedeli gegen Mittag: «Der Märet kann nicht mehr stattfinden.» Der Kanton habe entschieden, die Menschenansammlung sei höher zu gewichten als die Rolle des Wochenmarkts als Grundversorger. Ohnehin kein Thema mehr war der Monatsmäret als reiner Warenmarkt. Die Präsidentin der IG Märet, die 52 Marktfahrer vertritt, ist schockiert: «Ich verstehe das nicht. Für viele von uns ist das eine Existenzfrage.» Besonders hart sei für die Bauern, dass ausgerechnet jetzt, wo sie ihre frische Ware auf den Märet bringen könnten, dieser weg breche. Für die Bergbäuerin aus Gänsbrunnen, die mit selbst gebackenem Brot und Züpfen den Märet besucht, ist der Entscheid auch persönlich hart: Ihr Bergrestaurant ist zu, «und für meine Leute, die mir helfen, bricht der Verdienst weg». (ww)

Der allerdings noch einen zweiten Sorgen-Hotspot hat: Die Sommer-Lounge «Badmeister» neben der Badi wollte er eigentlich bei schönem Wetter Ende März eröffnen. Daraus wird nun nichts, und auch «dort bricht mir nun Umsatz weg». Womit er nicht allein ist: Auch die Hafebar kann nun frühestens am 19. statt Anfang April eröffnen.

Online-Offensive gegen die Krise

Auch im Chuchilade geht es um den Erhalt von neun Arbeitsplätzen, und ein Notfallteam arbeitet fieberhaft bei geschlossenen Ladentüren an einer Online-Offensive gegen den ertraglosen Zustand. Ziel ist es, auf der hauseigenen Homepage 1800 Artikel aufzuschalten, die mit 20 Prozent Rabatt zumindest etwas Liquidität in die Kasse bringen.

Im Traditionsgeschäft setzt man auf die Solidarität von Kunden, Lieferanten, Vermietern und des ganzen Gewerbes. «Mental stark bleiben» lautet die Devise an der Hauptgasse, wo auch ein Hauslieferdienst in Funktion getreten ist. Begleitet draussen von der schriftlichen Warnung: Die grosse Gefahr sei, dass «nach der Krise viele Unternehmen den Neustart nicht mehr schaffen werden, weil sie bereits zu geschwächt sind.» Ohne Massnahmen könnten «leere Städte, Arbeitslosigkeit und ein massives Ladensterben» die Folge sein.

Das Home-Office als Bumerang

Ebenfalls der neuen Situation angepasst hat sich die Confiserie Hofer mit drei Standorten in Solothurn. «Wir haben unsere Filiale an der Gurzelngasse geschlossen und nur noch am Stalden von 7 bis 18 Uhr und an der Wengistrasse von 7.30 bis 13.30 Uhr geöffnet», erklärt Ingrid Spit Hofer. Natürlich bleibe das Café am Stalden geschlossen aber die Bäckerei sei in Betrieb und Mittagessen könne statt an der Gurzelngasse an den zwei noch offenen Standorten geschöpft werden. «Mal schauen wie es läuft», meint die Geschäftsfrau, denn viele Stammkunden würden wegbleiben, da sie vom Büro zum Home-Office gewechselt haben. Während das ganze Service-Personal freigestellt werden musste, durfte dies bei den Lernenden nicht der Fall sein - «wir haben sie weiter zu beschäftigen.» Ein besonderes Problem könnte sich mit den praktischen Prüfungen Anfang Mai ergeben, so Ingrid Spit Hofer, die einen Wunsch hat: «Hoffentlich verkaufen wir noch Osterhasen. Die sind nämlich schon produziert.»

Dagegen muss Urs Jeger in seinem Kolonialwarenladen die eingekauften Hasen-Kerzen auf Ostern 2021 hin einlagern. Ein Beispiel für den Rattenschwanz, den die Situation nach sich zieht: Jeger wird nächstes Jahr kaum Osterartikel brauchen – sofern es auch für dieses Einkaufsbijou noch nächste Ostern gibt.