Ich lief am Mittwoch über die Kreuzackerbrücke. Das Abendrot spiegelte sich im Wasser, die Aare leuchtete wunderschön dunkelrot. In diesem ergreifenden Moment geschah, was geschehen musste. Jeder zweite auf der Brücke griff in die Tasche, die Weste oder den Hosensack und nahm das Smartphone hervor. Junge Frauen übergaben das Handy ihrem Freund und degradierten den Liebsten zum verlängerten Selfiestick. Ältere Herrschaften zückten das Natel ebenso und knipsten.

Sie taten, was Solothurner auf dieser Brücke (fast) immer tun. Sie fotografierten die Aare mit dem Palais Besenval, dem «Solheure» und der Kathedrale. Solothurner fotografieren Solothurn. Kein Tag vergeht, an dem mir nicht irgendjemand auf Facebook oder sonst wo die Skyline der Stadt von der Aare her vor die Nase hält. Solothurner fötelen Solothurn, Solothurn, Solothurn. Vom immergleichen Standort aus.

Und so habe ich das Palais Besenval und die Kathedrale im Morgenrot gesehen, im Nebel, verschneit, im Abendrot, mit Sonne und Regen, in der Nacht, mit Blitz, in der Dämmerung, mit Wolken oder Regenbogen darüber. Warum eigentlich müssen Solothurner, die täglich in Solothurn sind, ständig Solothurn fotografieren, um es anderen Solothurnern zu zeigen, die selbst ebenfalls täglich durch dieses Solothurn laufen? Solothurner sind halt Lokalpatrioten erster Güte. Immerhin ist auch die grosse englische BBC angetan vom Städtchen. In Grenchen wurde ja nicht mal SRF glücklich...

Jedenfalls ging ich weiter. Ich werde die Stimmung nicht vergessen. Auch ganz ohne ein Bild vom Abendrot geschossen zu haben. Aber Sie können es sich dies sicher vorstellen. Oder haben längst ein Bild davon gesehen.