Barockstadt
Solothurn oder Schärding – wo lebt es sich «barocker»?

Nicht nur in der Schweiz gibt es die schönste Barockstadt. Dieses Attribut hat sich in Österreich die Grenzstadt Schärding am Inn gesichert – ein Vergleich.

Andreas Kaufmann, Linz
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Schärdinger Postkartenidylle: Die farbige Häuserreihe auf dem Stadtplatz – auch «Silberreihe» genannt. Die Farben der Häuser stehen für die jeweiligen Zünfte oder Gewerbezweige. ak

Schärdinger Postkartenidylle: Die farbige Häuserreihe auf dem Stadtplatz – auch «Silberreihe» genannt. Die Farben der Häuser stehen für die jeweiligen Zünfte oder Gewerbezweige. ak

Solothurn ist die schönste Barockstadt der Schweiz. Strassenschilder bei der Ortseinfahrt belegen es. Tourismusprospekte locken mit dem gleichen Sirenengesang. Um in Österreich das Pendant zu Solothurn zu finden, musste man nicht lange suchen. Schärding wird dem Interessierten als schönste Barockstadt Österreichs für einen Besuch ans Herz gelegt.

Einige Jahrhunderte früher wäre es weitaus schwieriger gewesen, einfach so als Reisender in die Grenzstadt am Inn hineinzuschlendern. Das Bollwerk, das Schärding schützen sollte, konnte aber Wittelsbacher und Habsburger, ferner Napoleon und später auch die Geschosse der Alliierten nicht abhalten: So wurde die Stadt im Laufe der Zeiten eingenommen, verpfändet, plattgemacht oder sonst wie in eine neue Ära katapultiert.

Von solchen Epochen blieb Solothurn weitgehend verschont: Die vor Solothurn lagernden Habsburger unter Herzog Leopold liessen 1318 Gnade walten: Da die Belagerer nach einem Brückeneinsturz von den Solothurnern aus dem Fluss gefischt und verpflegt wurden, drückte der Herzog ein Auge zu. Und Napoleon hat in Solothurn lediglich einen schlechten Eindruck hinterlassen: Weil er für die Durchfahrt durch die Helvetische Republik in der «Krone» eine Nacht buchte, die Zimmer aber dann weder bezog noch bezahlte.

Was fremde Mächte in Solothurn nicht zerstörten, erledigten seine Bewohner später selbst: Sie machten einem Teil ihrer imposanten Bastion den Garaus, um eine neue Ortsbilds-Ära einzuleiten. Und so fiel die Mauer an vielen Stellen, damit sich Solothurn zur Welt da draussen hin öffnet.

Trotz der Narben, die die Geschichte Schärding zufügte, deutet entlang der farbigen Häuserreihe auf dem Stadtplatz – auch «Silberreihe» genannt – nichts mehr auf die Zeiten der Zerstörung hin. Von einem Schärdinger ist zu erfahren, dass sich reiche Geschäftsleute hier niederliessen. Diese seien offenbar auch nicht abgeneigt gewesen, für einen weitläufigen Stadtplatz ins Geldsackerl zu greifen. Auch erfährt man, dass ein Rückbau der Parkplätze und des Verkehrs die früher spärliche Flaniermeile zum Erblühen gebracht habe. Und dies obwohl Christophorus, dessen Statue den Platzbrunnen ziert, auch als Schutzheiliger der Autofahrer gilt.

Verglichen mit Schärding ist die Barockstadt Solothurn etwas sparsamer mit Platz und Plätzen umgegangen. Man dürfte gar nur von «Plätzli» sprechen. Ob er sich denn als Bewohner der schönsten österreichischen Barockstadt dieses Rufs bewusst sei, wird ein weiterer Schärdinger gefragt. «Wenn man hier wohnt, sieht man das Besondere oftmals gar nicht mehr. Aber wenn ich nach zwei Wochen Abwesenheit zurückkehre, packts mich wieder.»

Auch den Schreibenden hats beim Anblick der farblich verspielten Häuserreihe im sogenannten Inn-Salzach-Stil gepackt. Solothurn ist in dieser Hinsicht weitaus sparsamer mit Farbanstrichen: Vergleichsweise matt kommen die Häuserfronten daher. Zu erfahren ist weiter, dass die Farben für die jeweiligen Zünfte oder Gewerbezweige stehen. Bäckereien waren blau, Fleischhauer rot und Gastbetriebe gelb oder grün. Das stimmt zwar heute nicht mehr, sieht aber dennoch hübsch aus. Und über alledem thront die Stadtpfarrkirche mit Zwiebelturm, einer Ähnlichkeit, die sie mit der imposanten spätbarocken Solothurner St.-Ursen-Kathedrale teilt.

Der Inn bestimmte schon immer das Schicksal der bayerisch-österreichischen Grenzstadt, steht im Schärding-Prospekt geschrieben. Nur könnte der Fluss den Ort noch mehr prägen, wenn man denn wollte. Ein Sonntagsbesucher in Schärding weiss mehr: So wolle der «Wassertor»-Wirt am Ufer des Inns einen Aussenbereich einrichten, aber die Gemeinde habe sich quergestellt. Solothurn lässt hingegen «seinen» Fluss, die Aare, nicht ungenutzt vorbeiziehen. «Solothurn liegt am Meer» ist entsprechend im Aarestädtchen ein beliebtes Bonmot. Am «Meeresstrand», dem Landhausquai, entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten eine malerische Gastromeile.

In Schärding liest sich nicht zuletzt an den Autokennzeichen Auswärtiger ab, dass das Barockstädtchen dennoch ein beliebter Ausflugsort ist: «Vor allem am Sonntag komme ich gerne zum Flanieren her», sagt eine Besucherin. Ein weiterer Passant schätzt das reichhaltige und schmackhafte Gastroangebot.

Ist Schärding mit all den beschriebenen Schokoladenseiten, mit seiner Orangerie, dem Christophorusbrunnen, den sieben Miniatur-Weltwundern, der Silberzeile und der Stadtpfarrkirche die schönste Barockstadt Österreichs? Der Schweizer siehts neutral und diplomatisch. Wie aber stehen Schärding und Solothurn einander gegenüber, wenn es um die schönste Barockstadt Europas geht? Einzigartig sind beide.

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