Da steht es also, schwarz auf weiss: Solothurn belegt im nationalen Städteranking den 59. Platz. Den Neunundfünfzigsten! 38 Plätze hinter Carouge (was zum Teufel ist Carouge?), 16 Plätze hinter Biel, und – ja, wirklich – 13 Plätze hinter Olten. Mir als Solothurnerin bleiben jetzt genau drei Reaktionsmöglichkeiten: Über die Ungerechtigkeiten dieser Studie herziehen und all die Carouges, Lenzburgs und Zürichs schlecht machen, die Studie argumentativ widerlegen oder das ganze Gedöns einfach vernachlässigen.

Sie erahnen es: Ich werde die Studie widerlegen. (Nachdem ich über Zürich und Olten hergezogen bin und erfolglos versuchte, alles zu vernachlässigen.) Ja, jeden einzelnen Punkt werde ich mir vorknöpfen, mit denen das «Bilanz»-Magazin meine Stadt ungeniert auf den 59. Platz deklassierte. Los geht’s.

  1. Erholung: Die Damen und Herren Studienverfasser waren noch nie bei uns zu Gast. Laut «Bilanz» schneidet Solothurn in Sachen Erholung nämlich ganz schlecht ab (Platz 122 von 162). Sehr geehrte Damen und Herren Studienverfasser: Hiermit lade ich Sie offiziell und herzlich auf ein «Öufi» in die Hafenbar ein! Danach dürfen Sie gut erholt und gerne wieder in Ihre Grossstadt zurück.
  2. Bildung und Erziehung: Hey, Zürich, wie sehen eigentlich deine Strassen an einem Sonntagmorgen aus? Bei uns sind sie übrigens blitzblank: keine Plastikbecher, keine Zigistummel, keine schnauzbärtigen Alkoholleichen – weil wir nämlich gut erzogen sind.
  3. Kultur und Freizeit: Ja, unsere Strassen sind auch darum sauber, weil wir mangels Angebot kaum in den Ausgang gehen. Aber wer braucht den schon? Ich seh‘ mir lieber den Sonnenaufgang auf der Röti an (→ Erholung!).
  4. Einkaufsinfrastruktur: Nein, in Solothurn hats nicht nur Coiffeur-Salons und Schuh-Läden. Wirklich nicht!
  5. Gesundheit und Sicherheit: In Solothurn werden gerade 340 Millionen Franken investiert – in ein Spital! Und für die Sicherheit ist auch gesorgt: Die Abschaffung der Stadt-Tschugger wurde gerade eben Bachab geschickt.
  6. Soziales: Was bitte zählt zu «Soziales»? Sind wir sozial, weil wir seit 24 Jahren einen Stadtpräsidenten beschäftigen, ohne ihn zu kündigen? Weil wir MC Röschu auch zum 100. Mal einen Zweifränkler in die Hand drücken? Weil sich unsere Gastronomiepreise auch Durchschnittsverdiener leisten können? Ja! 
  7. Mobilität: Kann jemand all die Buslinien aufzählen, die am Amthausplatz verkehren? Eben!
  8. Bevölkerung und Wohnen: Steigende Einwohnerzahl = besseres Ranking, laut Studie. Freie Sitzplätze im Bus Nr. 4 vorfinden = besseres Ranking – laut mir!
  9. Steuerattraktivität: Völlig überbewertetes Ranking-Kriterium für Einwohner einer Stadt mit Preisen für ein Bier von unter 5 Franken.
  10. Besonderheiten der Stadt: Hier belegt Solothurn «immerhin» Platz 19, hinter Zug (1), St. Gallen (2) und Meilen (18). Was Solothurn besonders macht? Dass wir zu unserem Kleinstadtgeist stehen. Dass wir uns (eigentlich) weder mit Zürich noch mit Bern messen müssen, um uns besser zu fühlen. Dass jeder von uns 16‘615 Einwohnerinnen und Einwohnern an einem imaginären Schweizer-Songcontest sagen würde: Solothurn, 10 Points! Und nur darauf kommts an.