Strassennamen
Solothurn ist die Stadt der Dichter, Krieger und Bäume

Ein Blick auf die Strassennamen in der Stadt Solothurn zeigt: Politiker haben nur selten Strassen erhalten, Bäume dafür umso mehr. Bevor es Strassennamen gab, hat man sich noch an Farben orientiert.

Lucien Fluri
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In der Weststadt finden sich sowohl Dichter wie Gotthelf ...

In der Weststadt finden sich sowohl Dichter wie Gotthelf ...

Hanspeter Bärtschi

Sind Sie grün, gelb oder schwarz? Keine Angst – hier geht es um Ihre Adresse, nicht um die politische Zugehörigkeit. Denn Strassennamen gibt es noch gar nicht so lange. Zuvor orientierte man sich in Solothurn an den Farben: Jedes Altstadt-Quartier hatte seine eigene. So lag das «Kreuz» laut dem Grundbuch von 1825 im Schwarz-Quartier, der «Löwen» im blauen Quartier und die «Krone» wiederum war ebenfalls schwarz.

Seit es die Strassennamen gibt, gilt: Wo nicht die Geografie den Namen prägte, erzählt der Strassennamen auch etwas über seine Namensgeber. Wen hielten die Solothurner für wichtig? Und was war ihnen etwas wert? Ein etwas anderer Stadtrundgang ...

Die Vögel versammeln sich rund um den städtischen Friedhof. Tierisch geht es auch entlang dem Dürrbach zu: Fuchs, Hase, Reh, Gams, Dachs und Elch sagen sich dort «Gute Nacht». Wo immer die Namen so systematisch sind, und die Strassen mehr oder weniger rechtwinklig verlaufen, sind Ansätze einer Stadtplanung erkennbar.

Ob das immer kreativ war, ist eine andere Frage. Was in der Weststadt südlich der Bahnlinie liegt, ist nach einem Baum benannt: Eibe, Eiche, Esche, Fichte und Föhre kommen dort ebenso vor wie Pappel Ahorn und Buche. Und im Schöngrün, zwar auf Biberister Boden, aber mit Solothurner Postadresse finden sich die Planetenwege versammelt.

Über neue Strassennamen entscheidet die Gemeinderatskommission

Wie kommt ein neuer Strassenname zustande? Vorschläge für neue Strassennamen macht die Abteilung Tiefbau des Stadtbauamts. «Wir erhalten immer wieder Vorschläge. Diese werden gesammelt», erklärt Benedikt Affolter, Chef Tiefbau. Geht es um die Benennung einer neuen Strasse, unterbreitet das Stadtbauamt seine Vorschläge dem Stadtpräsidenten, der eine Vorauswahl trifft. Schliesslich entscheidet die Gemeinderatskommission über den endgültigen Namen. «Man schaut, welche Strassen in der Nähe vorkommen», erklärt Affolter das Vorgehen. In der Weststadt hat man so in letzter Zeit die Baumnamen konsequent durchgezogen.

Erste Ideen im Gebiet Weitblick gibt es bereits. Dort soll eine neue Strasse nach der Partnerstadt Krakau benannt werden. Denn nicht weit entfernt hat bereits Heilbronn eine Strasse erhalten. «Die Strassen der Partnerstädte wären somit nahe beieinander», sagt Affolter.

In den 17 Jahren, in denen Benedikt Affolter beim Stadtbauamt ist, ist es zu keiner Umbenennung gekommen. «Eine Umbenennung wäre auch schwierig», so Affolter. Denn die Adressen müssten geändert werden. Gerade Beispiele aus Deutschland zeigen, wie Personennamen zur Belastung werden können. Eine gewisse Zurückhaltung stellt denn auch Benedikt Affolter bei der Strassenbenennung nach Namen fest. Ein Grund für die wenigen Politikernamen in Solothurns Strassen liegt vielleicht auch darin, dass sich die Gemeinderatskommission einig werden muss. «Die Meinungen gehen manchmal auseinander», sagt Affolter. (lfh)

Wo immer in Solothurn Strassen zu benennen waren, eigneten sich die führenden Familien besonders gut. Praktisch alle haben «ihre» Strasse: Die von Surys ebenso wie die Frölichers, Besenvals, Grimms oder Vigiers. System hat die vornehme Namensgebung rund ums «Touring», wo die Tscharandi, Aregger, Stäffiser und vom Staals neben Bourbaki und Surbeck zu liegen kamen.

Wo der Familienname generell zum Zuge kam, blieb die Qual erspart, ein einzelnes Mitglied auszuwählen und die anderen zu brüskieren. Gerade im politischen Bereich herrscht in Solothurn grosse Zurückhaltung: Fast kein Staatsmann hat seine Strasse. Unter den Wirtschaftskapitänen hat nur Ascom-Gründer Walter Hammer einen Weg hinter «seiner» Firma erhalten, zählt man Oscar Miller nicht mit. Der Industrielle hat seine Strasse im neuen Sphinxmatte-Quartier primär als Mäzen des Kunstmuseums erhalten.

Helmut Kohl und Benedikt XVI. sind die einzigen Deutschen, die zu Lebzeiten speziell eine Briefmarke erhielten, und Pipo Kofmehl ist wohl der einzige Solothurner, der bei lebendigem Leib gesteinigt und geteert wurde: Residiert er mit seiner Kulturfabrik doch am Kofmehlweg.

Gross ist das Repertoire militärischer Namen: Der «Dornacher Held» Benedikt Hugi hat es ebenso geschafft wie Niklaus Wengi. Entlang der Schanzen hat Vauban seinen Weg und zwischen Hauptbahnhof und Aare erinnern Schänzli-, Zeughaus- und Waffenplatzstrasse an die militärische Vergangenheit des Quartiers. Glacis- und Wallstrasse verweisen zwischen Bürenstrasse und Aare auf die einstigen Schanzen. Und der Ritterquai ist nach dem «Ritter» benannt, dem Bollwerk, dessen Fundamente heute vor dem «Solheure» in der Aare ruhen.

Kulturstadt: Dichter, Denker und Künstler haben dagegen mehr Platz im Solothurner Strassenbild erhalten: Frank Buchser und Cuno Amiet residieren im Fegetz, beim Wengistein ist Josef Reinhart zu Hause. Richtige Künstlerkolonien gibt es beim Wildbachschulhaus, wo neben Gotthelf auch die einst bekannten und heute zunehmend vergessenen lokalen Dichterfürsten Franz Krutter, Joseph Joachim und Alfred Hartmann einen Weg erhielten.

Leise Töne sind im «Kofmehl»-Quartier zu hören. Dort kreuzen sich die Wege der Komponisten Hans Huber, Edmund Wyss, Casimir Meister und Stephan Jaeggi, die alle im 19. oder frühen 20. Jahrhundert wirkten.

Am Spitalhügel künden Burgunder-, Kelten- und Hunnenweg von einer gewissen Geschichtsbegeisterung. Nahe beim Vorstadt-Schulhaus hat die Fasnacht mit Postheiri- und Hilariweg ihre Spuren hinterlassen.

Systematik gibt es nicht überall: Warum der Nelkenweg neben dem Blumenrain liegt, ist naheliegend. Aber warum Rosen- und Tulpenweg dann wiederum im Schützenmatt-Quartier sind, ist eine andere Frage. Systematik gibt es dagegen bei den Hauptverkehrswegen: Die grossen Ausfallstrassen tragen ihr Ziel im Namen: von der Luzern-, über die Basel- bis zur Bielstrasse. Nur die Grenchenstrasse führt nirgendwo hin.

Und wie das so ist, sind die Solothurner Strassennamen vor allem eine Geschichte – mehr oder weniger – grosser Männer. Versammelt ist die Nomenklatura etwa im Steinbruggquartier, wo neben den Bischöfen Friedrich Fiala und Franziskus von Streng doch auch zwei Politiker ihre Strassen erhielten: Josef Munzinger und der fast schon vergessene Regierungsrat und Jurist Johann Baptist Reinert (1790–1853), der die erste demokratische Kantonsverfassung massgeblich prägte.

Und die Frauen? Da haben es Heidi, die Burgunderkönigin Bertha und die Einsiedlerin Verena geschafft – allesamt Frauen, deren Existenz mehr oder wenig im mythischen Dunstkreis verblasst. Erst kürzlich hat die Kunstsammlerin Gertrud Dübi-Müller einen schmalen Weg erhalten, der hinter Büschen zwischen Solo-Markt-Parkplatz und «Tertianum» verborgen ist. Sonst fehlt von Frauen jegliche Spur. Wer wird die Erste sein, die sich etwas breiter macht?