Solothurn
Gekommen, um zu bleiben: Begegnung mit der Saatkrähe, der Königin vom Kreuzackerquai

Sie sorgt für Krach, Kot und kontroverse Diskussionen: die Saatkrähe. Seit sie sich in den Wipfeln am Kreuzackerquai angesiedelt hat, auch in Solothurn. Krähen-Experte Christoph Vogel brachte darum Interessierten das faszinierende Federtier näher.

Christoph Krummenacher
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Die Saatkrähe sorgt in Solothurn seit Jahren für kontroverse Diskussionen.

Die Saatkrähe sorgt in Solothurn seit Jahren für kontroverse Diskussionen.

SZ Archiv

Immerhin: Zu Hause waren die Teilnehmenden sicher vor Vogelkot. Denn trotz gutem Wetter und Abendrot am Kreuzackerpark fand die Naturexkursion per Zoom statt. Corona. Bereits mehrfach war die Vogelkunde über die wohl bekanntesten «Stedtlischiiisser» verschoben worden.

Zum Vortrag geladen hatten die Solothurnischen Grünen. Kantonsrat und Hobby-Ornithologe Heinz Flück hatte dafür den Krähen-Kenner Christoph Vogel engagiert. Der Biologe war als Experte für Rabenvögel bei der Vogelwarte Sempach tätig. Über die Saatkrähe wusste Vogel denn auch eine Menge zu berichten. Denn die Krähen am Kreuzackerplatz bleiben ein kontroverses Thema in Solothurn, wie sein Vortrag noch zeigen sollte.

Das Video war einige Tage zuvor im Kreuzackerpark aufgezeichnet worden: Heinz Flück (links), selber Hobbyornithologe und Birdlife-Exkursionsleiter, befragt Christoph Vogel, Experte für Rabenvögel der Vogelwarte Sempach.

Das Video war einige Tage zuvor im Kreuzackerpark aufgezeichnet worden: Heinz Flück (links), selber Hobbyornithologe und Birdlife-Exkursionsleiter, befragt Christoph Vogel, Experte für Rabenvögel der Vogelwarte Sempach.

Zvg

Krähe ist nicht gleich Krähe

Vogel-Experte Vogel wies zuerst darauf hin, dass es in der Schweiz neun Rabenkrähenarten gibt. Die Saatkrähe ist eine vergleichsweise neue Art, sie breitete sich erst vor wenigen Jahrzehnten in der Schweiz aus. Heute wird ihr Bestand schweizweit auf etwa 7300 Paare geschätzt. Die Rabenkrähe, mit der die Saatkrähe oft verwechselt wird, bringt es derweil auf bis zu 120'000 Paare. Die Saatkrähe ist im Gegensatz zur Rabenkrähe ein Kolonienbrüter. Oder anders gesagt: Die Rabenkrähen leben in Einfamilienhaus-Siedlungen mit Vorgarten und Revier, während die Saatkrähen in geselligen Mehrfamilienhaus-Siedlungen leben.

Letztere schimmert violett und die Schnabelwurzel ist grauweiss gefleckt. Wer unten auf dem vergagelten Müürli oder einem verpfefferten Bänkli sitzt, vermag diese Unterschiede jedoch schwer auszumachen. Eindeutiger, erklärte Christoph Vogel, sei da der Klang des Gesangs. Klingt es nach «rrrrraah, rrrraah» ist es eine Rabenkrähe, tönt es eher heiser und nasal «gäääh, gääh, gäääh» ist es eine Saatkrähe. Beide Arten gehören indes zur Familie der Rabenvögel, welche wiederum zur Ordnung der Singvögel gezählt werden. Denn auch wenn der ohrenbetäubende Lärm der Saatkrähen für unsereins eher schmerzhaft ist: Singvögel definieren sich durch das anatomische Vorhandensein eines Stimmorgans und nicht über die Qualität des damit erzeugten Klangs.

Kreuzacker-Platanen als ideale Nistplätze

Aber warum krähen sie den nonstop, wollte eine Teilnehmerin wissen. Gerade in der Brutzeit, erklärte Vogel, hätten die Tiere regen Austausch mit dem Partner oder den Nachbarn. Saatkrähen sind sehr soziale Vögel und insofern dem Menschen sehr ähnlich. Und warum nisten sie ausgerechnet über der Hafebar? Schuld ist nicht etwa das Futter. Kleintiere und vor allem Samen aller Art holt sich die Saatkrähe, nämlich auf den Äckern und Wiesen ausserhalb der Stadt. Anziehend sind vielmehr die sehr hohen, alleinstehenden Bäume des Parks. In den übersichtlichen Baumkronen finden die Vögel Schutz vor natürlichen Feinden wie Marder oder Falken.

Eine Mehrheit der Saatkrähen nistet daher in Siedlungen. Am Kreuzackerquai zählten Flück und Vogel etwa 90 Nester. Und das, obwohl im Februar zahlreiche Nester entfernt worden waren.

Die Saatkrähen renovieren letztjährige Nester oder weichen aus. So hat sich die Kolonie heuer etwas ostwärts verschoben.

Eine andere Teilnehmerin wollte wissen, was man denn gegen die Saatkrähe unternehmen könne. Muss man denn etwas unternehmen?, fragte Ornithologe Vogel zurück. Die Vögel kamen von sich aus, weil sie in Solothurn ein attraktives Angebot fanden. Den Ärger über den Lärm früh morgens oder den Kot könne er verstehen. Doch es brauche eine pragmatische Sicht auf die Problematik. Man müsse abwägen, wo es wirklich störend ist und wo Toleranz angesagt ist.

Denn klar ist: Es gibt keine nachhaltige Lösung, um die Population der Saatkrähen in Siedlungen zu kontrollieren. Neben dem Entfernen von Nestern und dem Schneiden von Astgabeln wurde auch das Blenden mit Folien oder das Verscheuchen mittels Uhu-Attrappe wenig erfolgreich getestet (Link zum Infoblatt von Birdlife).

Die Saatkrähe ist gekommen, um zu bleiben. Es bleibt nur, durch gezielte Information ein Verständnis bei der Bevölkerung zu wecken. Etwa an Vorträgen wie diesem. Von den Teilnehmenden forderte am Ende jedenfalls niemand, rigoros gegen die Saatkrähen am Kreuzackerquai vorzugehen. Und so krähen sie wohl noch lange dort.

Wissenswertes über die Saatkrähe

Die Saatkrähe (Corvus frugilegus) war seit Ende 1970er-Jahre – wie alle Singvögel – unter Schutz gestellt. Seit 2012 ist sie wieder jagdbar, geniesst aber eine Schonzeit von Mitte Februar bis Ende Juli. In der Schweiz breitet sie sich exponentiell aus.

Die Grafik zeigt den Verlauf des Brutbestands in der Schweiz. Der Indexwert wurde für das Jahr 2000 auf 100 gesetzt.

Die Grafik zeigt den Verlauf des Brutbestands in der Schweiz. Der Indexwert wurde für das Jahr 2000 auf 100 gesetzt.

Visualisierung: Vogelwarte Sempach

Die Saatkrähen leben meist in Dauerehe und haben einmal pro Jahr etwa 3–6 Eier. Nach 30 Tagen fliegen die Jungtiere aus und erreichen maximal 20 Lebensjahre. Die geschickten Flieger haben eine Flügelspannweite von knapp einem Meter. Natürliche Feinde des Allesfressers sind Marder oder Greifvögel – und der Mensch. (ckr)

Verbreitung der Saatkrähe in der Schweiz gemäss Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016.

Verbreitung der Saatkrähe in der Schweiz gemäss Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016.

Visualisierung: Vogelwarte Sempach

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