Solothurn
Eine Liebeserklärung zum 20gisten Geburtstag: «Möge die Hafebar noch lange am Meer liegen!»

Vor Jahren öffnete ich die Augen und stellte mit Freude fest: Solothurn liegt am Meer. Das war nicht immer so. Eine Liebeserklärung an die Hafebar, die sinnbildlich für das lebendige Solothurn steht – verbunden mit einer Hoffnung.

Fabio Vonarburg
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In den 60er-Jahren hatte das Städtchen eine Zeit des Aufbruchs erlebt: Die Filmtage, die der Schweiz den Spiegel vorhalten sollten, die erste selbstverwaltete Beiz, das «Kreuz», und das erste autonome Jugendzentrum der Schweiz, das «Loch», waren gegründet worden. Zu meiner Mittelschulzeit in den 80ern war davon nicht mehr viel zu spüren. Als wir uns einmal erlaubten, vor dem Hotel Krone Platz zu nehmen, bekamen wir vom Kellner diskret einen Zettel zugeschoben: «Bitte verlassen Sie unauffällig das Lokal». Junge Menschen mit etwas längeren Haaren wurden 1981 dort nicht bedient – sie gehörten ans Aaremäuerchen. Soledurn gähn, lasen wir eines morgens an einer Altstadt-Fassade. Anderswo war Bewegung, nicht bei uns. Züri brännt, Solothurn pennt. Das Loch als angeblicher Drogenpfuhl wurde nach langjährigen erbitterten Anfeindungen ersatzlos geschlossen. Peter Bichsel schreibt im 1985 erschienen Text Der Busant: «Es gab in dieser Stadt jedenfalls viel adeliges Gesindel, sei es, weil diese Stadt eine grosse Anziehungskraft auf Heruntergekommene ausübt, sei es, weil sie schliesslich doch alle kaputtmacht.» Und: «Hier geschieht nichts! Hier geschieht nichts!» Das war mein vorherrschendes Gefühl: Solothurn ist eine Stadt der lebendig Begrabenen. S’isch immer eso gsy. Jahre später, 2003 – ich war immer noch da -, beauftragte mich Philipp Gressly, Präsident des Heimatschutzes, einen Text über die Hafebar zu schreiben: Sie sollte den Solothurner Heimatschutzpreis erhalten. Hafebar? Heimatschutz? Es blieb mir nichts anderes, als die Augen zu öffnen. Und es war, als würde ich nach vielen Jahren erwachen. Es hatte sich etwas verändert. Wir waren in einem neuen Jahrtausend angelangt. Mauern waren gefallen, sogar in Solothurn. Das Städtchen, einst von einem feindlichen Fluss durchquert, lag am Wasser. Die abends und sonntags tote Stadt war voller flanierender Menschen. Auf einer Fotomontage von Leonardo Bezzola fährt ein Hochseeschiff in Solothurn vor. Vor dem Rollhafen wird es ankern. Dort, in der Vorstadt, wo früher einsame Tristesse herrschte, war eine Freiluftbeiz – etwas ganz Neues für Solothurn – eröffnet worden: die Hafebar. Ich war von der Hafebar entzückt wie vermutlich Dornröschen vom Anblick des Prinzen. «Nun haben Menschen diesen verwunschenen Ort erobert. Die Hafebar ist ein Treffpunkt mit einer gewissen Mischung, von unverbindlich und Man-kennt-sich, von mediterran-verwegen und «Bar Immer-die-gleichen». Mir gefällt es hier, weil es Menschen hat. Weil die Hafebar so gar nicht chic ist. (...) Ein Ort für Vagantinnen, Vaganten, die sich nicht von der Stelle rühren.» Die Dornenhecken lichteten sich und eröffneten den Blick weit über Solothurn hinaus – ich spürte Offenheit für Neues, Provisorisches, Unangepasstes, Undenkbares –, und die Hafebar war Sinnbild dafür. Die Stadt hatte die Wasser-Befestigungen überwunden und füllte die trutzige Kulisse mit Leben. Solothurn liegt am Meer ist für mich in erster Linie eine Haltung. Heute fürchte ich, die 80er-Jahre könnten zurückkehren. Die engstirnige Atmosphäre des «Es-isch-immer-eso-gsy»- kommt wieder auf, stelle ich fest. Mumifizierte Männerbünde, althergebrachte Seilschaften und reaktionärer Filz, die ich überwunden glaubte, haben Konjunktur. Kreise, die aus Solothurn, wie es im oben zitierten Text von Bichsel heisst, einen Ort «… aufgeputzt und mittelalterlich wie ein Tiroler Ferienort und süddeutsch wie ein Bilderbuch» gemacht haben. Eine Kälteschauer erfasst mich. Ich möchte ein solches Solothurn nicht mehr. Die Hafebar würde den Heimatschutzpreis wieder verdienen. Sie ist Teil unserer Heimat geworden, einer Heimat für Vagantinnen, für Extravagante, für jeden und jede! Dass Solothurn am Meer liegt, ist ein Versprechen, das wir halten müssen. – In diesem Sinne: alles Gute zum Jubiläum. Möge die Hafebar noch lang

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