Faits vos jeux! Und alle setzen auf das Feld Solothurn. Die Spieler, die Gambler oder die Player Migros, Coop, Aldi, Lidl, Denner. Beim Roulette um den Standort Solothurn setzen sie ihre Jetons wie wild. Auf die Baselstrasse, das Kofmehl-Areal, die Schanzmühle, den Jumbo-Kreisel – wo noch eine Nische für Verkaufsflächen zu haben ist.

Klappt alles, was derzeit so geplant wird, hätte Solothurn 2020 allein auf seinem Stadtgebiet vier Filialen von Coop, drei von Migros, zwei, vielleicht gar drei von Denner und je einen Aldi und Lidl. Und zwar nicht irgendwelche Quartierlädeli. Sondern ausgewachsene Einkaufscenter.

Im Abstand von höchstens zwei Kilometern zur Stadtgrenze wären es zusätzlich zwei weitere Migros – darunter das riesige Ladendorf – noch zwei Coop-Center und je einer der beiden deutschen Discounter. Wahnsinn oder kaltes Kalkül? Beides. Irgendwann wird einer der Player wahnsinnig, so das Kalkül. Und steigt am Spieltisch aus. Macht Filialen dicht, weil es nicht mehr rentiert. Und er die Schlacht um die schmaler gewordene Kundschaft verloren gibt.

Verdrängungskampf nennt man das. Dabei tummeln sich im Shopping-Haifischbecken Solothurn nur kleinere Fische. Keine 40 Kilometer entfernt lauern die ganz grossen Brocken: Gäupark, Shoppyland, Westside. Und keine 100 Autobahnkilometer sinds für die Geiz-ist-Geilis, die Schnäppchenjäger und Billigheimer bis zum Shopping-Paradies Euroland. Was braucht da Solothurn um jede Ecke volle Regale?

Billig und bequem

Dabei haben wir einen super Markt. Zugegeben, die Öffnungszeiten sind mit dem Mittwoch- und Samstagvormittag etwas limitiert. Und für Billigheimer nicht sonderlich attraktiv. Dafür das Angebot frisch und meist vor Ort produziert. Und oft in einer Qualität, welche all die Player vor den Stadttoren nie bieten können.

Wer einmal den verschweissten Radiergummi aus sterilen Labor-Centern mit dem würzigen Käse der Marktfahrer verglichen hat, sollte eigentlich auf Lebzeiten wissen, wo er einkauft. Doch draussen vor dem Tor winken sie mit der Preiskeule. Und für das Gros auch in Solothurn muss Einkaufen vor allem eins sein: billig und bequem. Einkaufen, Kochen und Essen sind nur für eine kleine Minderheit ein Vergnügen. Die Mehrheit machts, weil sie muss.

Für Manor wirds eng

Ein Player tanzt aus der Reihe. Ihn haben wir bisher noch nicht genannt. Denn er verhält sich völlig atypisch – in jeder Hinsicht. So ist er aufgestanden, um den Spieltisch zu verlassen. Nimmt die Jetons von seinem Spielfeld, der Schanzmühle, und geht. Andere Spieler haben sich sofort an den Spieltisch gedrängt, Lidl das freigewordene Feld belegt. Manor will zwar weiterspielen, aber nicht mehr im bisherigen Stil.

Waren die Zahlen zuletzt zu oft rouge statt noir gewesen, im Spiel um möglichst viele Umsatz-Jetons? Jedenfalls will Manor das Roulette um den Food im eigenen Altstadt-Warenhaus fortsetzen. Doch dagegen stehen 18 Anwohner mit Einsprachen. Und so wirds für eine Food-Abteilung 2018 an der Gurzelngasse eng, sehr eng. Oder sitzt der Basler Konzern nach dem Auszug in der Schanzmühle die juristisch bedingte Spielpause in einem Provisorium aus? Wie beispielsweise Migros die Umbauphase an der Wengistrasse im verwaisten, ehemaligen Loeb-Standort nebenan? In der Gerüchteküche Solothurn brodelt es jedenfalls.

Planungsstopp?

Manor hat bisher etwas getan, was die Konkurrenz nicht kann, weil sie es nicht will. Er hat eine Minderheit statt die Mehrheit der Konsumenten gesucht. Und den guten alten Märet kopiert. Nicht immer top, aber immerhin. Die Minderheit, die auf frischen Fisch, offene Fleischprodukte und sonstige Frischangebote steht, ist nämlich nicht zu vernachlässigen. So gibt sich vor allem am Wochenende das gut betuchte Steingrubenquartier ein Stelldichein in der Schanzmühle. Dies mag eine Erklärung für den auf den ersten Blick fast unverständlichen Schritt weg vom Standort-Roulettetisch sein: Manor möchte genau diese Klientel auch in der Altstadt, im Warenhaus haben.

Das Steingrubenquartier fehlt ihm an der Gurzelngasse. Doch folgt die Kaufkraft dem Frischfisch ins Sous-Sol? Der Weg dazu ist dornenvoll. Im Moment sieht es nicht gut aus. Die Mühlen der Jurisprudenz mahlen langsam, und eine Einigung mit den Einsprechern ist nicht in Sicht. Wer garantiert zudem, dass nach den jüngsten personellen Turbulenzen an der Basler Konzernspitze die bisherige Planung weiterläuft? Neue Chefs verhängen oft zuerst einmal einen Planungsstopp, besehen sich alles bisher Dagewesene ganz genau, um dann oft das Rad neu zu erfinden.

Rien ne va plus?

In der Schanzmühle zittern also nicht nur über 50 Beschäftige um ihre Jobs. Solothurn muss auch eine Verarmung des Einkaufsvergnügens befürchten, trotz all der neu geplanten Discounter-Standorte ringsum. Und vielleicht muss sich Solothurn sogar um sein alteingesessenes Altstadt-Warenhaus sorgen. Denn wer nicht tun kann, was er möchte, tut plötzlich nichts mehr. Weiteres Sorgenkind: Die rückläufigen Umsätze der klassischen Warenhausketten. Manor gibt keine Zahlen bekannt, doch wird um einen Umsatzeinbruch spekuliert.

Ein warnendes Beispiel liefert der aus Solothurn längst wieder verschwundene Berner Warenhauskonzern Loeb: Just hat er einen Umsatzrückgang von 6,2 Prozent mit einem Verlust von 4,6 Mio. Franken vermeldet – und eine Verkleinerung des Filialnetzes inklusive. Bleibt angesichts dieses gesamtschweizerisch negativen Umfelds Manor dort, wo er heute ist? Oder ergreift der Konzern gar tiefer greifende Schritte als «nur» den Rückzug eines Foodbereichs ins Stamm-Warenhaus? Es sind unsichere Zeiten. Oder um im Spielerjargon der frankophonen Manor-Manager zu bleiben – es könnte für Soleure plötzlich heissen: Les jeux sont faits – rien ne va plus!