Solothurn
Der Reiz der Vergänglichkeit: An diesem Kunstfestival konnte man eine Skulptur essen

Kunst, die verschwindet, die sich auflöst – das gab es am Wochenende in Solothurn im Künstlerhaus S11, aber auch im öffentlichen Raum zu sehen.

Helmuth Zipperlen
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Kunst zum Essen.

Kunst zum Essen.

Tom Ulrich
«Im Schaffen geht es oft um Vergänglichkeit. Für mich gibt es kein Werk für die Ewigkeit»,

sagt Denise Haschke, eine der elf Künstlerinnen und Künstler, welche die achten «Jours des éphémères» am Wochenende im Künstlerhaus S11 bespielten. Eigentlich waren es nur zehn, denn die vorgesehene Performance des Zofingers Walter Siegfried, mit situativen Gesängen die Altstadt zu bereichern, wurde anfänglich bewilligt, aber kurzfristig doch verboten.

Die aus dem Engadin stammende Denise Haschke arbeitet mit Vorliebe mit den Farben Weiss und Grün. Weiss sei der Schnee, Grün das Leben. Im Künstlerhaus zeigte sie eine Chromatographie von Chlorophyll. In Wasser gelöst und zu einer Eiskugel geformt, hängt sie an einer Schnur und lässt Tropfen für Tropfen auf ein darunter liegendes Stück Leinwand fallen. Nach ungefähr acht Stunden wird in Grün der Name des Kunstwerkes sichtbar ­«Shades of ephemeral green». Nach kurzer Zeit verschwindet diese Schrift und zurück bleibt die weisse Leinwand. Die Eiskugel ist blau, erinnert an den ­blauen Planeten, die Erde. So können auch gesellschaftliche Zusammenhänge hineininterpretiert werden.

Das Kunstwerk von Denise Haschke (Samedan): «Shades of ephemeral green»

Das Kunstwerk von Denise Haschke (Samedan): «Shades of ephemeral green»

Tom Ulrich

Eröffnet wurde das kleine Festival am Freitag lautstark mit dem Gerassel von 45 Weckern, einem Klangwerk von Oliver Krähenbühl. Den Aufruf des Künstlerhauses, nicht elektrische Wecker zur Verfügung zu stellen, hat auch der letzte Fabrikant von klassischen Weckern, Edgar Sutter aus Bettlach, mitbekommen und einige schöne Exemplare beigesteuert.

Linien, Formen, Flächen aus Wasser

In der Stadt unterwegs waren am Samstagnachmittag auch Thomas Zollinger und Sonja Rindlisbacher. Sie arbeiten mit Wasser, zeichnen damit am Boden ornamentartige Verzierungen, sehen bei schönem Wetter zu, wie die Linien, Formen und Flächen verdunsten oder bei Regen sich mit dem Regenwasser vermischen. «zwischen spuren» nennen sie ihr Solothurner Projekt. Ausgangslage waren die elf von Solothurn Tourismus beworbenen historischen Brunnen. Von ihnen soll das Wasser stammen und zu künstlichen Formen auf asphaltierten Flächen in der Altstadt verwendet werden.

 Thomas Zollinger und Sonja Rindlisbacher waren mit ihren Giesskannen unterwegs. Der Name des Projekts: «zwischen Spuren»

Thomas Zollinger und Sonja Rindlisbacher waren mit ihren Giesskannen unterwegs. Der Name des Projekts: «zwischen Spuren»

Tom Ulrich

Mit einem roten und einem grünen Giesskännchen versehen, marschierten Zollinger und Rindlisbacher über die Wengibrücke, um vom Dorn­acherbrunnen in der Vorstadt Wasser zu schöpfen. Die zahlreichen Anwesenden am Aaremürli staunten nicht schlecht, als das Künstlerpaar begann, die Kännchen mit Bedacht und mit kreativem Anstrich zu entleeren. Natürlich gab es auch Leute, welche zielstrebig oder ins Gespräch vertieft achtlos durch diese Wasserkunst schritten, ohne zu bemerken, dass sie ein Kunstwerk betreten haben. «Wir haben erst später erfahren, dass 11 die heilige Solothurner Zahl ist», sagten sie im Gespräch.

Besucher assen das Wurst-Kunstwerk

Im obersten Raum des Künstlerhauses hat Yuri A. aus Würsten eine Skulptur von Jeff Koons nachgebildet. Eine Gabel und ein Messer daneben luden dazu ein, sich ein Stück Wurst abzuschneiden und zu verspeisen. Eine Kunst, welche bekanntlich schon an Fürstenhöfen gepflogen wurde.

Neu hingegen ist die digitale Kunst von Simona Lynn Schnyder, welche bereits im Eingangsbereich aufgefallen ist. Auf eine App kann ein Bild geschickt werden, welches bei der anvisierten Person nach zehn Sekunden verschwindet. «Sobald eine Person die Nachricht geöffnet hat, ist diese für andere nicht mehr sichtbar.

Dieses Projekt heisst: «Ich Sehe Was, Was Du Nicht Siehst»

Dieses Projekt heisst: «Ich Sehe Was, Was Du Nicht Siehst»

Tom Ulrich

Dadurch soll eine Verbindung zwischen mir und der betrachtenden Person hergestellt werden, die intim und flüchtig zugleich ist,» erklärt die aus dem Wallis kommende Simona Lynn Schnyder das gezeigte Kunstwerk.

Weitere Eindrücke

Für einmal kann man Kunst Essen. „Essbare Wurst-Kopie einer Skulptur von Jeff Koons“, vom Künstler Yuri A aus Zürich.
8 Bilder
Für die Besucherinnen und Besucher lagen Messer und Gabel bereit.
So sah das Werk aus, bevor mit dem Essen begonnen wurde.
Thomas Zollinger und Sonja Rindlisbacher machten Kunst im öffentlichen Raum.
Mit Giesskannen spritzten sie ein Kunstwerk auf den Boden.
Eröffnet wurde das Festival durch über 40 Wecker. Titel des Werks: „Musik für eine zufällige Anzahl Wecker“
Blick auf weitere vergängliche Kunstwerke. HIer von Denise Haschke (Samedan): «Shades of ephemeral green»
„WATCHING LIVES JUST FADING AWAY“ von Dieter Holliger (Uster)

Für einmal kann man Kunst Essen. „Essbare Wurst-Kopie einer Skulptur von Jeff Koons“, vom Künstler Yuri A aus Zürich.

Tom Ulrich

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