Solothurn 2000-Jahr-Jubiläum
Stadtgeschichte Solothurn: «Geschichtsschreibung darf weder einer Eitelkeit schmeicheln, noch Gericht halten»

Anlässlich der Buchpräsentation «Stadtgeschichte Solothurn 19. und 20. Jahrhundert» haben wir mit der Solothurner Historikerin Caroline Arni gesprochen. Sie erklärt, warum Lokalgeschichte interessant ist.

Judith Frei
Drucken
Teilen
Parade über die Kreuzackerbrücke.

Parade über die Kreuzackerbrücke.

NCH

Das Buch ist schon letztes Jahr erschienen und schon letztes Jahr wurde zweimal für dessen Präsentation angesetzt, doch jetzt wird es definitiv vorgestellt: die «Stadtgeschichte Solothurn 19. und 20. Jahrhundert», herausgegeben von der Stadt Jubiläum zum «2000 Jahre Solothurn» Jubiläum.

Acht Autoren haben unter der Leitung der Historikerin und ehemalige Direktorin der Zentralbibliothek Solothurn, Verena Bider, wichtige Themen der neueren Solothurner Geschichte aufgearbeitet. «Das Buch versteht sich als Aufruf, sich mit Geschichte zu befassen und zu versuchen, Entwicklungen zu sehen und zu verstehen», schreibt Bider. Weiter: «Viele Institutionen der Stadt Solothurn, aber auch die heutige architektonische Gestalt gehen in ihrem Kern auf die letzten zwei Jahrhunderte zurück.»

Der Ambassadorenhof in Solothurn.

Der Ambassadorenhof in Solothurn.

SZ

Die Quellen stammen aus dem Stadtarchiv und aus der Sammlung der Zentralbibliothek. Bider wusste um den historischen Schatz, der in der Bibliothek archiviert sind und ist froh, dass diese jetzt gebraucht werden.

Historikerin Caroline Arni: «Die Geschichte Solothurns ist interessant»

Die gebürtige Solothurnerin, Caroline Arni, ist Professorin für allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Basel und hält an der Buchpräsentation eine Rede.

Caroline Arni ist Professorin an der Uni Basel und kommt ursprünglich aus Solothurn.

Caroline Arni ist Professorin an der Uni Basel und kommt ursprünglich aus Solothurn.

Anna Schmidt

Sie sind in Solothurn aufgewachsen. Wie erinnern Sie sich an die Stadt ihrer Kindheit?

Caroline Arni: Solothurn war für mich eine Stadt mit viel Geborgenheit. So überschaubar, dass ein Kind sich früh selbstständig bewegen kann, und ich erinnere mich gut an meine ersten Gänge allein «in die Stadt». Das waren immer auch Ausflüge in die Geschichte, die in Solothurn ja auf Schritt und Tritt zu spüren ist. Als Jugendliche waren für mich die Filmtage und die Literaturtage wichtige Ereignisse – die Stadt füllte sich mit Menschen und Gesprächen und irgendwie liess sich in Solothurn die ganze Welt entdecken.

Früher war Solothurn die Ambassadorenstadt, wo der Abgesandte des französischen Königs Politik machte. Diese Bedeutung für die Schweiz hat die Stadt nicht mehr. Ist die neuere Geschichte nicht einfach eine Geschichte des Bedeutungsverlusts?

Das war eine ausgesprochen prägende Zeit, aber es war auch eine Phase unter anderen in einer langen Geschichte der Stadt. Es gibt zu dieser Zeit immer noch viel zu erzählen. Etwa wie die Geschichte des Solddiensts – von dem ja der damalige Reichtum in der Stadt stammte – Solothurn mit der Armut in der Eidgenossenschaft ebenso verband wie mit den kolonialistischen Unternehmungen der europäischen Mächte. Schweizer Söldner fielen auf europäischen Schlachtfeldern und sie schlugen in den Kolonien Sklavenaufstände nieder. Dann gibt es in der Geschichte Solothurns aber noch andere prägende Phasen. Etwa die bemerkenswerte Industrialisierung der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert und wie Solothurn im Zuge des Aufschwungs der Uhrenindustrie zur «Stadt der Schrauben» wurde. Das Buch schafft Grundlagen dafür, dass diese Phase in der Geschichte Solothurns mehr Aufmerksamkeit finden kann.

Wieso muss die Geschichte der Kleinstadt Solothurn erzählt werden?

Ich will mit einer Gegenfrage antworten: Warum nicht? Geschichtsschreibung muss in erster Linie interessant sein und die Geschichte Solothurns ist interessant. Wichtig ist, dass es in der Geschichtsschreibung weder darum geht, einer Eitelkeit zu schmeicheln, noch Gericht zu halten. Gerade deshalb darf sie keine Tabus kennen, sie muss sich für alles und alle interessieren, und dafür, wie die Dinge miteinander zusammenhängen: die Geschichte der Frauen und der Männer, der Armen und der Reichen, der Eingesessenen und der Zugewanderten, der Geflüchteten und der Geborgenen, der Erwachsenen und der Kinder, der spektakulären Ereignisse und des trägen Alltags, der Stadt und ihrer Umlande, der Schweiz und der Welt und so weiter. Mir persönlich scheint übrigens gerade eine Kleinstadt wie Solothurn ausgesprochen reizvoll für historische Arbeit: An einem konkreten, überschaubaren Ort zeigen sich weltgeschichtliche Zusammenhänge.

Caroline Arni wird am Sonntag, 31. Oktober, im Theater Tobs aus ihrem Buch lauter Frauen, «Zwölf Historische Porträts» vorlesen.

Aktuelle Nachrichten