2020 feiert Solothurn sein 2000-jähriges Bestehen. Nur einmal wurde die Stadt nachweislich von fremden Truppen eingenommen: am 2. März 1798 durch das französische Revolutionsheer. Doch vor 700 Jahren muss die Lage ähnlich kritisch gewesen sein: Herzog Leopold I. von Habsburg soll die Stadt wochenlang belagert haben.

Er brach die Belagerung ab, als die Solothurner österreichische Kriegsknechte aus der Aare fischten. Sie waren beim Einsturz ihrer Belagerungsbrücke ins Wasser gefallen. Eine Geschichte mit vielen Fragezeichen. Verteidigten damals wirklich 800 Krieger, davon 400 Berner die 1300 Meter lange Ringmauer gegen 2000 Belagerer?

Der Ablauf der Belagerung wird erst tief im 15. Jahrhunderten durch Chroniken wie jener von Diebold Schilling geschildert, doch zeitgenössische, schriftliche Quellen sind mager und belegen nicht einmal, ob es tatsächlich um eine Belagerung ging. Vielleicht führte Leopold nur Verhandlungen mit der renitenten Stadt und war dazu mit einigem Gefolge aufmarschiert. Wir wissen auch nicht, wer in Solothurn damals Schultheiss war – kein erhaltenes Ratsmanual verrät seinen Namen.

Also reichlich Stoff für Spekulationen und Interpretationen zu einem Kapitel Stadtgeschichte, das zwar oft beschrieben und – durch den Oltner Zeichner Martin Disteli – 550 Jahre später auch illustriert worden ist. Aber an sich keine Spuren im Stadtbild und Solothurns Geschichte hinterlassen hat.

Komplexe Belagerung

Die Belagerung, vor allem einer ummauerten Stadt, war im Mittelalter ein hoch komplexes Unterfangen. Gelang die Einnahme nicht rasch durch List – 1382 versuchten es die Kyburger mit einem nächtlichen Handstreich, der von Hans Roth aufgedeckt wurde – musste oft viel Zeit, Geld und Manpower investiert werden.

Noch gab es keine Artillerie, aber Belagerungsgerät wie Katapulte oder Türme. Doch sie waren teuer und umständlich. Der Sturm mit Leitern kostete viele Menschenleben, und das Aushungern als scheinbar effizienteste Methode brauchte enorm viel Zeit. Vor allem, wenn das Belagerungsobjekt gut versorgt war.

Und darauf deutete in Solothurn 1318 einiges hin. Damals gab es keine stehenden Heere, die quasi aus dem Stand mobilisiert und in Marsch gesetzt werden konnten. Herzog Leopold musste in seinen Untertanengebieten und beim lokalen Adel um Zuzug mahnen. Nicht alle aber hatten es pressant, für ihren Lehensherrn ins Feld zu ziehen.

Die Truppen waren sehr heterogen zusammengesetzt, und ihr Zusammentrommeln blieb nicht unbemerkt. Auch waren die Sympathien nicht überall eindeutig auf Habsburger Seite, genauso wie Solothurn mit einem Verrat durch Angehörige des St.-Ursenstifts rechnen musste – was solche 1382 dann beim Kyburger Überfall auch tatsächlich vorhatten.

Auf einen Überraschungseffekt konnte Leopold also nicht hoffen – im Gegensatz zu den Guglern, die mitten im Dezember 1375 aus dem Nichts vom Jura her brandschatzend ins Mittelland einfielen, Städtlein wie Altreu oder Fridau überrannten und dem Erdboden gleich machten. Zur Verteidigung blieb kaum Zeit, denn üblicherweise fanden im Winter keine grösseren Operationen statt, obwohl es noch andere Beispiele für Winterfeldzüge gab. So vor allem am Ende des Burgunderkriegs mit der Schlacht bei Nancy im Januar 1477.

Stadt war wohl vorbereitet

Einiges spricht dafür, dass Solothurn die Belagerung nicht unvorbereitet traf. Leopold soll erst im August aufmarschiert sein. Der grösste Teil der Ernte war eingebracht – damals wurden weder Mais und noch Kartoffeln angebaut, sondern fast nur Getreide. Auch die angebliche Verstärkung durch 400 Berner spricht für eine längere Vorlaufzeit, und diese Zusatzmäuler, die es zu stopfen galt, dürften mit einigem Proviant im Gepäck angerückt sein.

In den Städten des Hochmittelalters waren Stallungen innerhalb der Ringmauern durchaus üblich, und so wurde das Vieh in die Stadt getrieben, damit es nicht dem Feind in die Hände fiel. Schweine hat man wohl rasch geschlachtet, da sie zu normalen Zeiten in den Eichenwäldern ihr Futter fanden, ansonsten in der Stadt jedoch zum Nahrungskonkurrenten des Menschen wurden. Auch gab es damals noch reichlich Fisch in der Aare, zudem waren Gemüsegärten zwischen den Häuserzeilen durchaus verbreitet.

Hunger und Wetterunbill

Das konnte zur paradoxen Situation führen, dass Belagerer fast mehr Mühe hatten, sich über längere Zeit zu ernähren, als die Bewohner einer Stadt, die ihre Ernte, ihr Vieh und zusätzlich haltbare Vorräte in ihren Mauern wussten. Zwar wurde draussen im Umland requiriert und geplündert, was das Zeug hielt, doch wuchs der «abgegraste» Radius rasch, und bald einmal mussten die Belagerer viel Energie nur noch dafür einsetzen, sich selber am Leben zu erhalten.

Kam dann noch längere Zeit schlechtes Wetter dazu, was in den Zeltlagern zu Seuchen führen konnte (die Pest allerdings war 1318 noch 30 Jahre lang kein Thema), dann griff rasch Resignation um sich. Ja oft kam es zu Fahnenflucht im grossen Stil. So brachen die Osmanen 1529 ihre erste Belagerung von Wien nach wochenlangen Regenfällen ab.

Eine derartige Regenperiode soll auch Leopold vor Solothurn zum Verhängnis geworden sein: Die Aare, damals noch nicht kanalisiert, konnte vom sommerlichen Rinnsal rasch einmal um mehrere Meter zu einem reissenden Strom ansteigen. Dass eine Behelfsbrücke, die der Herzog zur Verbindung seiner beiden Lagerteile errichten liess, den tobenden Naturgewalten zum Opfer fiel, vielleicht auch durch einen rasch daher treibenden Baum, ist ein wahrscheinliches Szenario.

In solchen Fällen waren die Opferzahlen gewöhnlich hoch, versuchte man doch von der Brücke aus mit langen Stangen und Haken das zerstörerische Treibgut um die Brückenjoche zu lotsen. Ging das schief und die Brücke brach zusammen, kam für die meisten im Wasser Zappelnden jede Hilfe zu spät. Viele mittelalterliche Chroniken belegen solche katastrophale Brückeneinstürze – denn Brücken waren in den Städten kostbarer Garant für Warenverkehr und Zölle, also ein höchst schützenswertes Gut.

Nur gut erfunden?

Die Geschichte um die aus der Aare geretteten Kriegsknechte ist zweifellos gut – erfunden? Nun, es gilt als erwiesen, dass Herzog Leopold bis im Oktober 1318 vor Solothurn lag und dann seine Aktion abbrach – wohl auch wegen des baldigen Winters und weil das Umland für seine Truppen kaum mehr etwas hergab. Es muss einen «Deal» zwischen ihm und der Solothurner Bürgerschaft gegeben haben – darauf deutet das geschenkte St. Ursusbanner  hin.

Das St. Ursusbanner soll zumindest vom Textilfragment her aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts stammen.

       

Machte Solothurn Zugeständnisse, die später nicht mehr ins Geschichtsbild der überall gegen Habsburg auftretenden Eidgenossen passten? Und deshalb umgedeutet wurden, wie in der Chronik von Diebold Schilling, 160 Jahre nach der «Belagerung»? Wir wissen es nicht. Die Story passt aber ins «Stadt-Marketing» des mittelalterlichen Solothurn, das mit dem Schultheissen Niklaus Wengi, der sich vor die Kanone stellt, statt auf Mitbürger schiessen zu lassen, eine zweite Episode ins Zentrum rückt, die Solothurns humanitäre Tradition zementiert. 

Was gegen Solothurner, die Gegner retten, spricht: Im Mittelalter tickte man ganz anders. So liess Karl der Kühne 1476 nach der Belagerung von Grandson über 400 eidgenössische Kriegsknechte aufhängen und ersäufen, die sich auf die Zusicherung von freiem Abzug hin ergeben hatten. Ein Schicksal, dass jeder Besatzung einer belagerten Stadt oder Burg drohen konnte. Also auch Solothurn.

Übrigens: Die Eidgenossen waren keinen Deut besser. Sie pflegten keine Gefangenen zu machen und beförderten verwundete Gegner noch auf dem Schlachtfeld brutal ins Jenseits. Nicht einmal die Leichen der adeligen Feinde rückten sie den Hinterbliebenen raus. Überliefert ist dazu der arrogante Spruch nach der Schlacht bei Dornach im Juli 1499, in der die Solothurner eine Hauptrolle spielten: «Die Herren sollen bei den Puren liggen!»